Kinder brauchen kein eigenes Zimmer. Sie brauchen Raum.
Brauchen Kinder ein eigenes Zimmer?
Drei Kinder. Zwei Schlafzimmer. 90 Quadratmeter.
Nach gängigen Vorstellungen fehlt uns damit eigentlich mindestens ein Zimmer. Vielleicht auch zwei.
Denn ein eigenes Zimmer für Kinder gilt für viele Familien irgendwann als selbstverständlich.
Oder?
Wir leben zu fünft auf rund 90 Quadratmetern. Meine Frau, unsere drei Kinder und ich. Unsere Kinder sind noch klein, und statt drei Kinderzimmern gibt es bei uns ein gemeinsames Kinderzimmer.
Und selbst das ist eigentlich falsch bezeichnet.
Denn geschlafen wird bei uns im Familienbett. Das „Kinderzimmer“ ist vor allem eines:
Spielraum.
Und genau das hat mich irgendwann zu einer Frage gebracht:
Brauchen Kinder wirklich ein eigenes Zimmer oder haben vor allem wir Erwachsenen gelernt, dass Kinder eines brauchen?
Das eigene Kinderzimmer ist kein Grundbedürfnis
Versteht mich nicht falsch: Ein eigenes Zimmer kann wunderbar sein.
Ein Rückzugsort. Platz für Privatsphäre. Irgendwann vielleicht ein Schreibtisch, Bücher, Musik und ein großes Schild an der Tür mit „Papa, draußen bleiben“.
Darauf freue ich mich schon. Vermutlich weniger auf das Schild.
Aber gerade bei kleinen Kindern scheint mir die Diskussion oft verkehrt herum geführt zu werden.
Wir fragen:
Wie viele Quadratmeter braucht jedes Kind?
Statt:
Was braucht dieses Kind gerade?
Nähe.
Geborgenheit.
Beziehung.
Möglichkeiten zum Spielen.
Selbstständigkeit.
Rückzug, wenn er gebraucht wird.
Keine dieser Sachen setzt automatisch vier eigene Wände voraus.
Dabei geht es nicht darum, Platz kleinzureden. Zu wenig Wohnraum und starke Überbelegung können Gesundheit und Wohlbefinden belasten. Die WHO betrachtet dabei aber nicht einfach die Zahl der Kinderzimmer: Entscheidend sind unter anderem Größe und Gestaltung der Wohnung sowie Alter, Beziehung und Bedürfnisse der Menschen, die darin leben.
Die sinnvollere Frage lautet für mich deshalb nicht: Hat jedes Kind ein eigenes Zimmer? Sondern: Bietet unser Zuhause genug Raum für die Bedürfnisse aller?
Drei Kinder, ein Kinderzimmer
Bei uns ist das Kinderzimmer deshalb derzeit kein Mini-Appartement für ein einzelnes Kind.
Es gehört den Kindern gemeinsam.
Dort wird gebaut, gelesen, gespielt, gestritten, aufgeräumt und vermutlich deutlich häufiger wieder ausgeräumt.
Auch in anderen Bereichen unseres Familienalltags zuhause orientieren wir uns an Montessori: der vorbereiteten Umgebung. Die Association Montessori Internationale beschreibt eine Umgebung, die auf die Entwicklungsbedürfnisse der Kinder abgestimmt, geordnet und zugänglich ist und selbstständiges Handeln ermöglicht.
Für unser Zuhause übersetzt heißt das: Dinge sollen erreichbar sein. Kinder sollen möglichst viel selbst machen können. Und die Umgebung soll ihnen dienen, nicht umgekehrt.
Und nicht jedes Kind braucht dafür alles dreimal.
Drei Kinder bedeuten für uns nicht drei Tonieboxen, drei Holzeisenbahnen und drei komplette Kinderzimmerausstattungen.
Gemeinsam benutzen ist auch eine Form von Reichtum.
Weniger Zeug schafft mehr Raum
Das klingt bei 90 Quadratmetern zunächst nach einer mathematischen Notwendigkeit.
Für uns ist es aber auch eine Haltung.
Wir versuchen ohnehin, möglichst nichts neu zu kaufen. Eigentlich alles kommt Second Hand zu uns. Und regelmäßig verlassen Dinge unsere Wohnung wieder, wenn wir merken, dass wir sie nicht mehr brauchen.
Denn Wohnraum wird nicht nur durch Wände knapp.
Er wird auch durch Zeug knapp.
Ein 15-Quadratmeter-Kinderzimmer voller Spielzeug kann weniger Platz zum Spielen bieten als acht Quadratmeter mit einigen ausgewählten Dingen.
Minimalismus mit Kindern bedeutet für mich deshalb nicht: Kinder sollen wenig haben.
Sondern:
Das, was sie haben, soll Platz zum Kindsein lassen.
Und das Familienbett?
Auch das verändert unsere Rechnung.
Solange unsere Kinder nachts unsere Nähe suchen und das für uns als Familie funktioniert, müssen wir nicht drei Schlafwelten auf drei Zimmer verteilen.
Unsere Schlafzimmer sind deshalb momentan nicht nach der klassischen Vorstellung organisiert: Eltern hier, Kind eins dort, Kind zwei dort, Kind drei irgendwo noch dazwischen.
Wir organisieren unsere Wohnung danach, wie wir tatsächlich leben.
Nicht danach, wie ein Grundriss für eine fünfköpfige Familie theoretisch aussehen sollte.
Das wird sich verändern.
Und genau das ist der Punkt.
Kinder werden größer. Bedürfnisse verändern sich.
Ich möchte daraus nämlich kein neues Dogma machen.
„Kinder brauchen kein eigenes Zimmer“ bedeutet nicht: Kinder dürfen niemals eines haben.
Mit zunehmendem Alter bekommt dabei auch Privatsphäre mehr Gewicht. Sie ist nicht bloß ein Luxus: Die UN-Kinderrechtskonvention schützt ausdrücklich das Recht des Kindes auf Privatsphäre. Für mich bedeutet das aber nicht automatisch „ein Kind = ein Zimmer“. Es bedeutet, Rückzug ernst zu nehmen und unsere Wohnsituation immer wieder an die Bedürfnisse unserer Kinder anzupassen.
Bedürfnisorientierung bedeutet für mich schließlich nicht, heute eine Lösung zu finden und sie für die nächsten 15 Jahre zur Ideologie zu erklären.
Sondern immer wieder hinzuschauen:
Was brauchen unsere Kinder jetzt?
Und genauso:
Was brauchen wir Eltern?
Ein eigenes Zimmer für Kinder ist auch eine soziale Frage
Bei der Debatte über Kinderzimmer stört mich noch etwas anderes.
Die Vorstellung vom eigenen Zimmer für Kinder ist dabei nicht nur eine pädagogische, sondern auch eine soziale und finanzielle Frage.
Ein eigenes Zimmer wird schnell zu einem Maßstab dafür, was Eltern ihren Kindern „bieten“ können.
Bei einem Kind geht es noch.
Beim zweiten braucht man angeblich schon die größere Wohnung.
Und spätestens beim dritten scheint die logische Konsequenz Einfamilienhaus zu heißen.
Nur können sich Familien Wohnraum nicht einfach herbeizaubern.
Wer Familien vermittelt, jedes Kind benötige selbstverständlich ein eigenes Zimmer, macht aus einer kulturellen Vorstellung schnell eine finanzielle Voraussetzung für Familie.
Dabei entscheidet die Anzahl der Kinderzimmer ziemlich wenig darüber, wie viel Beziehung in einer Familie stattfindet.
Ein Kind kann auf 25 eigenen Quadratmetern einsam sein.
Und drei Kinder können sich auf acht gemeinsamen Quadratmetern ziemlich zuhause fühlen.
Zeit statt Quadratmeter
Vielleicht werden unsere drei Kinder irgendwann sagen:
„Papa, wir brauchen mehr Platz.“
Dann werden wir darüber sprechen.
Vielleicht ziehen wir um. Vielleicht teilen wir unsere Wohnung anders auf. Vielleicht schläft irgendwann jemand dort, wo heute unser Wohnzimmer ist.
Keine Ahnung.
Familie verändert sich.
Aber ich möchte meinen Kindern nicht vermitteln:
Ein gutes Aufwachsen beginnt bei einer bestimmten Anzahl Quadratmeter pro Kopf.
Ich möchte ihnen lieber etwas anderes mitgeben.
Dass Zuhause dort entsteht, wo man sich sicher fühlt.
Wo man Platz haben darf.
Wo man sich zurückziehen kann, wenn man es braucht.
Und wo jemand da ist, wenn man wieder herauskommt.
Kinder brauchen Raum.
Zum Spielen.
Zum Wachsen.
Zum Streiten.
Zum Alleinsein.
Zum Zusammensein.
Manchmal hat dieser Raum vier eigene Wände.
Und manchmal nicht.
PapaKann
Ich bin Christopher, Papa von drei Kindern und Gründer von PapaKann.
Hier schreibe ich über präsente Vaterschaft, Montessori, Minimalismus und unseren ganz normalen Familienalltag. Nicht als Anleitung für die perfekte Familie, sondern als Einladung, manches neu zu denken.
Papa. Fürs Leben da.
Quellen & Weiterlesen
World Health Organization (WHO): WHO Housing and Health Guidelines
UNICEF: Convention on the Rights of the Child – insbesondere Artikel 16 zum Recht auf Privatsphäre
Association Montessori Internationale (AMI): Montessori Environments – The Prepared Environment
American Montessori Society (AMS): Montessori at Home
