Weniger Spielzeug, mehr Spiel: Was Kinder wirklich brauchen
Wir haben drei Kinder.
Eigentlich müssten wir also ziemlich viel Spielzeug haben.
Haben wir auch.
Nur wesentlich weniger, als man bei drei Kindern erwarten könnte.
Und selbst davon ist regelmäßig zu viel da.
Denn eine der überraschendsten Erfahrungen unseres Familienalltags ist: Kinder brauchen nicht ständig neues Spielzeug. Oft brauchen sie sogar weniger davon.
Nicht, weil Spielzeug schlecht wäre. Sondern weil mehr Auswahl nicht automatisch mehr Spiel bedeutet.
Das Kinderzimmer ist kein Spielzeuggeschäft
Wer Kinder bekommt, merkt ziemlich schnell, wie leicht sich Dinge vermehren.
Geburtstag. Weihnachten. Mitbringsel. Flohmarkt. Großeltern. Ein pädagogisch besonders wertvoll aussehendes Holzteil, bei dem Papa überzeugt war:
Damit beschäftigt sich das Kind sicher stundenlang.
Sieben Minuten später spielt es mit dem Karton.
Kommt bekannt vor?
Wir versuchen deshalb, Spielzeug nicht danach auszuwählen, wie beeindruckend es im Regal aussieht, sondern danach, was ein Kind damit machen kann.
Kann es selbst entscheiden, wie es verwendet wird?
Kann es damit ausprobieren?
Bauen?
Sortieren?
Nachahmen?
Erfinden?
Und vor allem: Greift unser Kind tatsächlich danach?
Weniger Auswahl kann mehr Freiheit bedeuten
Ein voller Raum wirkt aus Erwachsenensicht wie ein Paradies.
Für Kinder kann er schlicht überwältigend sein.
Deshalb stehen bei uns nicht alle Spielsachen gleichzeitig zur Verfügung. Ein Teil ist sichtbar und erreichbar, anderes wird weggeräumt und später wieder hervorgeholt.
Das Schöne daran:
Ein Spielzeug, das einige Wochen verschwunden war, kann plötzlich spannender sein als etwas Neues.
Ganz ohne Einkauf.
Das ist für mich einer der angenehmsten Nebeneffekte eines minimalistischeren Familienalltags: Wir müssen Kinder nicht permanent mit Neuem beschäftigen.
Was sich bei uns tatsächlich bewährt
Ich mag Dinge, die möglichst wenig vorgeben.
Bausteine können heute ein Haus sein und morgen eine Garage.
Tücher werden zu Höhlen, Decken oder Umhängen.
Körbe eignen sich zum Sortieren, Transportieren und – selbstverständlich – dazu, sämtliche Inhalte auf dem Boden zu verteilen.
Bücher werden hundertmal angeschaut.
Alltagsgegenstände sind sowieso verdächtig oft interessanter als Spielzeug.
Und auch Montessori bedeutet für mich nicht, möglichst viel „Montessori-Spielzeug“ zu kaufen.
Im Gegenteil.
Eine vorbereitete Umgebung kann sehr schlicht sein: wenige Dinge, gut erreichbar, übersichtlich angeordnet und passend zu dem, womit sich das Kind gerade beschäftigt.
Meine wichtigste Empfehlung kostet nichts
Beobachten.
Bevor wir etwas kaufen, können wir uns fragen:
Was beschäftigt mein Kind gerade?
Will es schütten? Sortieren? Klettern? Schneiden? Schrauben? Uns im Haushalt nachahmen?
Oft steht die Antwort auf diese Bedürfnisse bereits irgendwo in der Wohnung.
Ein kleiner Krug.
Eine Schüssel.
Wäscheklammern.
Papier und Schere.
Ein Tritthocker.
Ein Kochlöffel.
Nicht jedes Entwicklungsbedürfnis braucht das dazugehörige Produkt.
Das spart Geld, Platz und ziemlich viel Zeug.
Und wenn wir etwas kaufen?
Dann versuche ich, mir fünf Fragen zu stellen:
- Brauchen wir es wirklich?
- Kann das Kind damit auf unterschiedliche Arten spielen?
- Ist es robust genug, um mehrere Kinder zu überleben?
- Können wir es gebraucht bekommen?
- Was darf dafür gehen?
Gerade der vierte Punkt ist bei uns wichtig.
Kinder brauchen keine originalverpackte Kindheit.
Viele hochwertige Spielsachen überleben problemlos mehrere Familien und gebraucht sind sie oft wesentlich günstiger. Daher kaufen wir ausschließlich gebraucht.
Papa empfiehlt deshalb manchmal: nichts.
Das klingt für eine Empfehlungsrubrik wirtschaftlich möglicherweise ausbaufähig. 😉
Aber genau so soll „Papa empfiehlt“ funktionieren.
Hier landet nicht alles, was man Familien verkaufen könnte.
Sondern nur das, was ich auch einem Freund empfehlen würde.
Manchmal ist das ein Buch.
Manchmal ein Produkt, das uns seit Jahren begleitet.
Manchmal eine Idee.
Und manchmal lautet die beste Empfehlung:
Kauf deinem Kind nichts Neues. Setz dich zu ihm auf den Boden.
Das braucht keinen Rabattcode.
Mehr über Montessori, Minimalismus und unseren Familienalltag
Quellen & Weiterlesen
Dieser Artikel basiert auf unseren eigenen Erfahrungen als Familie und auf Gedanken aus der Montessori-Pädagogik sowie Forschung zum kindlichen Spiel und zur Spielumgebung.
- Montessori, Maria: Die Entdeckung des Kindes. Herder Verlag. Besonders relevant ist Montessoris Gedanke der vorbereiteten Umgebung: Kinder sollen eine übersichtliche, zugängliche Umgebung vorfinden, die selbstständiges Tun ermöglicht.
- Dauch, Carly et al. (2018): The influence of the number of toys in the environment on toddlers’ play. Infant Behavior and Development, 50, 78–87. Die Untersuchung deutet darauf hin, dass Kleinkinder bei weniger gleichzeitig verfügbarem Spielzeug länger und vielfältiger mit einzelnen Dingen spielen.
- American Academy of Pediatrics (2018): Selecting Appropriate Toys for Young Children in the Digital Era. Pediatrics, 143(1). Die AAP empfiehlt unter anderem einfache, hochwertige Spielsachen, die Interaktion, Fantasie und gemeinsames Spiel unterstützen, statt möglichst komplexer elektronischer Spielzeuge.
- Center on the Developing Child, Harvard University: Forschung und Materialien zu Play in Early Childhood. Spielerische Erfahrungen und die Interaktion mit Bezugspersonen unterstützen wichtige soziale, emotionale und kognitive Entwicklungsprozesse.
Hinweis: Papakann ist kein pädagogischer oder medizinischer Fachdienst. Ich schreibe hier als Papa über unsere Erfahrungen und verbinde sie mit Erkenntnissen aus Fachliteratur und Forschung.
