Montessori zuhause: 10 Dinge, für die du kein Montessori-Spielzeug brauchst
Montessori ist keine Holzspielzeug-Marke.
Und trotzdem könnte man das glauben, wenn man sich durch Instagram, Pinterest oder diverse Onlineshops scrollt.
Holzregenbogen.
Lernturm.
Steckbrett.
Sortierspiel.
Motorikwürfel.
Alles wunderschön. Manches davon auch wirklich sinnvoll.
Aber Montessori ist kein Einrichtungsstil und keine Holzspielzeug-Marke.
Im Zentrum stehen nicht möglichst viele Montessori-Produkte, sondern das Kind, seine Selbstständigkeit und eine Umgebung, die ihm eigenes Tun ermöglicht.
Und ein bedürfnisorientiertes, selbstständiges Aufwachsen beginnt nicht mit einem Warenkorb.
Montessori ist vor allem eine Haltung.
Eine Haltung, die Kindern zutraut, selbst tätig zu werden. Die ihre Umgebung so gestaltet, dass sie möglichst viel ohne unsere Hilfe schaffen können. Und die uns Erwachsene manchmal dazu zwingt, etwas besonders Schwieriges zu tun:
Nicht sofort einzugreifen.
Bei uns zuhause bedeutet Montessori deshalb oft nicht, etwas Neues anzuschaffen.
Sondern etwas anders zu machen.
Hier sind zehn Beispiele.
1. Das Wasserglas gehört dorthin, wo das Kind hinkommt
Wenn ein Kind für jedes Glas Wasser einen Erwachsenen braucht, liegt das nicht unbedingt daran, dass es zu klein ist.
Vielleicht steht das Glas einfach zu hoch.
Gläser, Teller, Besteck oder eine kleine Wasserkaraffe können so aufbewahrt werden, dass Kinder selbst drankommen.
Natürlich geht dabei einmal etwas daneben.
Vielleicht auch zweimal.
Okay: ziemlich sicher öfter. 😄
Aber Selbstständigkeit entsteht nicht dadurch, dass wir Kindern irgendwann erklären, wie etwas funktioniert.
Sie entsteht durchs Tun.
2. Kinder dürfen sich selbst anziehen, auch wenn’s länger dauert
Ein Ärmel verkehrt.
Die Hose irgendwo zwischen Knie und Hintern.
Und wir stehen daneben und wissen:
Ich könnte das in zwölf Sekunden erledigen.
Genau da wird Montessori für Erwachsene interessant.
Denn manchmal ist die beste Hilfe jene, die wir nicht geben.
Kleidung erreichbar aufbewahren. Wenige Möglichkeiten anbieten. Genügend Zeit einplanen.
Und akzeptieren, dass ein Kind möglicherweise eine Kombination auswählt, mit der wir persönlich nicht zum Bewerbungsgespräch gehen würden.
Selbst gewählt schlägt perfekt kombiniert.
3. Ein echter Besen ist manchmal das bessere Spielzeug
Kinder wollen erstaunlich oft genau das machen, was wir Erwachsenen machen.
Wischen. Kehren. Kochen. Wäsche aufhängen. Tisch decken.
Und unsere Antwort darauf lautet manchmal:
Hier hast du eine Spielküche.
Dabei will das Kind vielleicht gar nicht Küche spielen.
Es will mitmachen.
Ein kleiner Besen, ein Tuch, eine Schüssel oder ein ungefährliches Küchenutensil reichen oft völlig.
Montessori nennt diesen Bereich Übungen des praktischen Lebens.
Ich nenne es:
Das Kind möchte dazugehören.
4. Beim Kochen helfen statt beschäftigt werden
Natürlich ist Kochen schneller, wenn kein Kleinkind mithilft.
Viel schneller.
Wirklich. Viel. Schneller. 😄
Aber Gurken waschen, Gemüse in eine Schüssel legen, Teig kneten, etwas umrühren oder den Tisch decken sind echte Tätigkeiten.
Das Kind erlebt:
Mein Beitrag zählt.
Nicht jedes Abendessen muss zur pädagogischen Lernwerkstatt werden.
Manchmal müssen Nudeln einfach fertig werden.
Aber wo Zeit ist, dürfen Kinder Teil des echten Alltags sein.
5. Weniger Spielzeug sichtbar machen
Mehr Auswahl bedeutet nicht automatisch mehr Spiel.
Ein Regal, in dem 48 Dinge übereinanderliegen, verlangt einem kleinen Kind ziemlich viel ab.
Wir versuchen deshalb, nicht alles gleichzeitig anzubieten.
Weniger Dinge.
Übersichtlich.
Erreichbar.
Und manches verschwindet eine Zeit lang.
Wenn es Wochen später wieder auftaucht, besitzt es plötzlich die magische Kraft eines neuen Spielzeugs.
Ganz ohne Kreditkartenabrechnung.
Weniger kann tatsächlich mehr Spiel ermöglichen.
6. Bücher gehören auf Kinderhöhe
Ein Buch, das ein Kind nicht erreichen kann, ist Dekoration.
Bücher dürfen dort stehen, wo Kinder sie selbst nehmen und wieder zurückstellen können.
Idealerweise nicht 80 gleichzeitig.
Eine kleine Auswahl reicht.
Die kann regelmäßig wechseln.
So wird Lesen nicht etwas, das ausschließlich dann passiert, wenn Erwachsene beschließen:
„Jetzt lesen wir ein Buch.“
Sondern etwas, das Kinder selbst wählen können.
7. Kinder dürfen echte Dinge benutzen
Nicht alles muss eine Kinderversion sein.
Kinder können – ihrem Entwicklungsstand entsprechend – mit echten Gegenständen umgehen lernen.
Ein echtes Glas.
Ein kleiner Krug.
Ein Löffel.
Eine Bürste.
Später vielleicht ein geeignetes Messer (KiddiCutter und Co) gemeinsam mit einem Erwachsenen.
Natürlich geht einmal etwas kaputt.
Aber auch das gehört zur Erfahrung:
Dinge haben Eigenschaften. Und mein Handeln hat Folgen.
Das lernt man mit echtem Material anders als mit Plastik, das praktisch alles überlebt.
8. Ordnung so gestalten, dass Kinder sie verstehen können
„Räum dein Zimmer auf!“
Für Erwachsene eine scheinbar klare Aufgabe.
Für ein kleines Kind ungefähr so konkret wie:
„Bring bitte die Unternehmensstruktur in Ordnung.“
Wohin genau soll was?
Ein fester Platz hilft.
Ein Korb für Bausteine.
Ein Platz für Bücher.
Ein Fach für Fahrzeuge.
Je klarer die Umgebung, desto leichter kann ein Kind selbst Verantwortung dafür übernehmen.
Und nein:
Das bedeutet nicht, dass Kinder danach begeistert jeden Abend ihr Zimmer katalogisieren.
Es sind weiterhin Kinder.
9. Nicht jede Langeweile braucht eine Lösung
„Papa, mir ist fad.“
Da juckt es uns Erwachsenen schnell in den Fingern.
Basteln?
Spielplatz?
Puzzle?
Soll Papa einen Clown engagieren?
Vielleicht braucht es manchmal einfach:
nichts.
Aus Langeweile können Ideen entstehen.
Kinder dürfen suchen, beobachten, ausprobieren und selbst entscheiden, was sie tun möchten.
Wir müssen nicht Animateur unserer Kinder sein.
Und das ist vielleicht eine der günstigsten Montessori-Ideen überhaupt.
10. Das Wichtigste kann man nicht kaufen: Zeit
Ein Kind selbst einschenken lassen dauert länger.
Selbst anziehen dauert länger.
Beim Kochen helfen lassen dauert länger.
Selbst herausfinden lassen, wie etwas funktioniert?
Richtig.
Dauert länger.
Und genau deshalb ist Montessori für mich viel weniger eine Frage der Einrichtung als eine Frage unserer Zeit.
Trauen wir dem Kind etwas zu?
Halten wir aus, dass es nicht sofort klappt?
Greifen wir ein, weil das Kind Hilfe braucht, oder weil wir schneller fertig sein wollen?
Das sind die interessanteren Fragen.
Nicht:
Welches Montessori-Spielzeug fehlt uns noch?
Montessori ist keine Einrichtung. Es ist eine Haltung.
Wir haben zuhause natürlich Dinge, die man Montessori zuordnen könnte.
Und wir kaufen auch Spielzeug (ausschließlich gebraucht).
Darum geht es nicht.
Minimalismus bedeutet für mich genauso wenig, dass Kinder nichts besitzen dürfen.
Die Frage ist eher:
Hilft dieses Ding meinem Kind, oder beruhigt der Kauf hauptsächlich mein Gefühl, etwas für seine Entwicklung getan zu haben?
Kinder brauchen keine perfekt eingerichtete Montessori-Wohnung.
Sie brauchen eine Umgebung, in der ihnen etwas zugetraut wird.
Erwachsene, die sie ernst nehmen.
Gelegenheiten mitzumachen.
Und Zeit, Dinge selbst zu versuchen.
Das gibt’s glücklicherweise in keinem Onlineshop.
Papa. Fürs Leben da.
Quellen & Weiterlesen
Maria Montessori: Die Entdeckung des Kindes.
Ein Grundlagenwerk der Montessori-Pädagogik. Besonders relevant für diesen Artikel sind Montessoris Gedanken zur vorbereiteten Umgebung, zur Selbstständigkeit des Kindes, zur Rolle der Erwachsenen sowie zu den Übungen des praktischen Lebens.
Association Montessori Internationale (AMI): Prepared Environment.
Die von Maria Montessori gegründete internationale Organisation beschreibt die vorbereitete Umgebung als bewusst geordnet, zugänglich und auf die Entwicklungsbedürfnisse des Kindes abgestimmt. Ziel ist unter anderem, selbstständiges Handeln zu ermöglichen.
Association Montessori Internationale (AMI): Exercises of Practical Life.
Zu den Übungen des praktischen Lebens zählen ausdrücklich alltägliche Tätigkeiten wie Kehren, Abstauben oder Geschirrspülen. Sie sollen Kindern ermöglichen, sich als aktiven Teil ihrer Gemeinschaft zu erleben und Selbstständigkeit zu entwickeln.
Association Montessori Internationale (AMI): Montessori 3–6.
AMI beschreibt reale Alltagstätigkeiten als wichtigen Bestandteil der Montessori-Pädagogik: Kinder lernen durch Tätigkeiten, die Selbstständigkeit und Selbstwirksamkeit fördern, durch eigenes Tun und in ihrem individuellen Tempo.
