Kinder müssen nicht beschäftigt werden
„Papa, was machen wir jetzt?“
Eine Frage, bei der ich früher sofort angefangen hätte nachzudenken. Denn wenn es darum ging, Kinder zu beschäftigen, fühlte ich mich ziemlich schnell zuständig.
Spielplatz?
Basteln?
Bücher?
Knete?
Ausflug?
Irgendein pädagogisch wertvolles Angebot?
Heute antworte ich manchmal:
„Ich weiß es nicht. Schau mal, was dir einfällt.“
Nicht, weil ich keine Lust auf meine Kinder habe.
Sondern weil ich immer mehr glaube:
Kinder müssen nicht ständig beschäftigt werden.
Und wir Eltern sind nicht ihre Animateure.
Kinder beschäftigen: Wann wurde das eigentlich zum Elternjob?
Wer heute mit kleinen Kindern lebt, bekommt erstaunlich schnell das Gefühl, für deren Tagesprogramm verantwortlich zu sein.
Bastelideen für Regentage.
Sensorikspiele.
Ausflugsziele.
Förderspiele.
Kinderturnen.
Musikgruppe.
Indoor-Spielplatz.
Und natürlich die obligatorische Liste mit „27 Aktivitäten, die dein Zweijähriges fördern“.
Vieles davon ist schön.
Wir machen Ausflüge. Wir lesen vor. Wir gehen auf den Spielplatz. Wir bauen, kochen, malen und spielen gemeinsam.
Aber daraus ist etwas entstanden, das ich schwierig finde:
Die Vorstellung, dass freie Zeit eines Kindes von Erwachsenen gefüllt werden muss.
Langeweile ist kein Notfall
„Mir ist fad.“
Für Eltern kann dieser Satz erstaunlich unangenehm sein.
Fast so, als müssten wir sofort eine Lösung präsentieren.
Dabei passiert manchmal etwas Interessantes, wenn wir das nicht tun.
Zuerst passiert:
nichts.
Dann wird herumgelegen.
Gejammert.
Vielleicht der Papa noch dreimal gefragt.
Und irgendwann wird aus zwei Sesseln ein Zug.
Eine Decke wird zur Höhle.
Ein Karton zum Haus.
Oder irgendein Gegenstand bekommt eine Funktion, auf die kein Erwachsener jemals gekommen wäre.
Nicht immer.
Manchmal bleibt einem Kind einfach fad.
Auch das darf sein.
Freies Spiel braucht Freiheit
Kinder spielen anders, wenn Erwachsene nicht ständig bestimmen, was gespielt wird und wie gespielt werden soll.
Ein fertiges Angebot bringt meistens schon eine Idee mit.
Ein Karton nicht.
Ein Stock nicht.
Ein Tuch nicht.
Und ein Kinderzimmer, in dem Dinge erreichbar sind, gibt einem Kind die Möglichkeit, selbst eine Entscheidung zu treffen:
Was möchte ich eigentlich machen?
Das ist einer der Gedanken an Montessori, die ich besonders mag.
Nicht:
Wie beschäftige ich mein Kind möglichst sinnvoll?
Sondern:
Wie gestalte ich die Umgebung so, dass mein Kind selbst tätig werden kann?
Genau darin steckt ein zentraler Montessori-Gedanke: Eine vorbereitete Umgebung soll Kindern ermöglichen, Tätigkeiten selbst zu wählen und möglichst selbstständig zu handeln. Die Association Montessori Internationale beschreibt unter anderem zugängliche Möbel, frei wählbare Materialien und selbstgesteuertes Lernen als Merkmale dieser Umgebung.
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Auch UNICEF beschreibt freies Spiel als Spiel, bei dem Kinder selbst entscheiden können, womit, worüber und wie sie spielen. Dabei können unter anderem Kreativität, Selbstständigkeit und Problemlösefähigkeiten gefördert werden.
„Spiel doch alleine“ funktioniert trotzdem nicht auf Knopfdruck
Jetzt kommt der Teil, den manche Beiträge über selbstständiges Spielen gerne auslassen.
Man kann einem zweijährigen Kind nicht erklären:
„Freies Spiel ist wichtig für deine Entwicklung. Papa trinkt jetzt in Ruhe Kaffee.“
Leider. 😉
Kinder brauchen Verbindung.
Manche mehr, manche weniger. An manchen Tagen funktioniert selbstständiges Spielen wunderbar, an anderen klebt dasselbe Kind gefühlt am Hosenbein.
Und gerade kleine Kinder wollen häufig dort sein, wo wir sind.
Deshalb bedeutet „Kinder müssen nicht beschäftigt werden“ für mich ausdrücklich nicht:
Kinder sollen uns in Ruhe lassen.
Es bedeutet vielmehr:
Ich muss nicht jede gemeinsame Zeit mit einem Programm füllen.
Kinder können auch einfach mit uns leben
Das ist vielleicht die einfachste Form der Beschäftigung:
gar keine zu erfinden.
Wenn ich Wäsche mache, können die Kinder dabei sein.
Wenn ich koche, können sie helfen.
Wenn ich etwas repariere, können sie zuschauen.
Wenn wir einkaufen gehen, ist das Teil unseres Tages.
Nicht jeder Vormittag braucht einen Programmpunkt.
Kinder müssen nicht permanent in eine künstliche Kinderwelt gebracht werden.
Sie dürfen auch an unserer teilnehmen.
Und ja: Das dauert meistens länger.
Sehr viel länger.
Ein Kind beim Wäscheaufhängen helfen zu lassen, ist selten die effizienteste Art, Wäsche aufzuhängen.
Aber vielleicht ist Effizienz im Familienalltag auch nicht immer die wichtigste Maßeinheit.
Auch ganz normale Alltagssituationen können Lerngelegenheiten sein: UNICEF nennt beispielsweise Wäsche sortieren, Kochen, Baden oder Erledigungen als Situationen, in denen Kinder Sprache, mathematisches Denken oder andere Fähigkeiten ganz nebenbei erleben können.
Weniger Spielzeug kann dabei helfen
Das klingt zunächst paradox.
Wenn sich ein Kind selbst beschäftigen soll, müsste doch möglichst viel Spielzeug helfen.
Bei uns erlebe ich häufig eher das Gegenteil.
Zu viele Möglichkeiten können auch einfach bedeuten:
zu viele Möglichkeiten.
Deshalb versuchen wir, Dinge überschaubar und erreichbar zu halten. Wir kaufen viel Second Hand und überlegen inzwischen ziemlich genau, was tatsächlich einen Platz bei uns braucht.
Nicht aus irgendeinem minimalistischen Wettbewerb.
Sondern weil Kinder erstaunlich wenig brauchen, um ins Spiel zu kommen.
Und manchmal ist die Verpackung ohnehin interessanter als das Geschenk.
Ich möchte trotzdem mit meinen Kindern spielen
Das ist mir bei diesem Thema wichtig.
Ich möchte keine Kindheit, in der Papa sagt:
„Beschäftige dich selbst.“
Gemeinsames Spielen schafft Verbindung.
Ich lese meinen Kindern vor. Ich baue mit ihnen. Wir gehen raus. Ich lasse mich auf ihre absurden Spielideen ein.
Aber ich möchte genauso wenig eine Kindheit, in der meine Kinder lernen:
Wenn gerade nichts passiert, muss jemand etwas für mich organisieren.
Dazwischen liegt für mich die Balance.
Gemeinsam spielen.
Gemeinsam Alltag leben.
Und Räume lassen, in denen Kinder selbst herausfinden dürfen, was als Nächstes passiert.
Vielleicht müssen wir Eltern Langeweile wieder aushalten lernen
Denn möglicherweise haben gar nicht unsere Kinder das größte Problem mit Langeweile.
Sondern wir.
Stille wirkt schnell wie eine Lücke.
Ein freier Nachmittag wie etwas, das geplant werden müsste.
Und ein Kind, das gerade nichts tut, wie ein Problem, das gelöst werden sollte.
Dabei muss nicht jeder Moment produktiv sein.
Nicht jeder Nachmittag erinnerungswürdig.
Und nicht jedes Spiel pädagogisch wertvoll.
Manchmal darf ein Kind einfach auf dem Boden liegen und nichts tun.
Vielleicht entsteht daraus fünf Minuten später eine fantastische Idee.
Vielleicht auch nicht.
Beides ist okay.
PapaKann-Fazit
Kinder brauchen unsere Zeit.
Unsere Aufmerksamkeit.
Unsere Nähe.
Aber sie brauchen nicht in jeder freien Minute unsere Idee davon, was sie jetzt tun sollten.
Wir dürfen vorlesen, bauen, herumblödeln und gemeinsam Abenteuer erleben.
Und wir dürfen manchmal sagen:
„Ich weiß auch nicht, was du jetzt machen könntest.“
Denn vielleicht ist genau die nächste Frage viel spannender:
„Was fällt dir ein?“
Quellen & Weiterlesen
Dieser Artikel basiert auf unseren eigenen Erfahrungen als Familie sowie auf Erkenntnissen zu freiem Spiel, selbstständigem Lernen und der Bedeutung einer vorbereiteten Umgebung.
- UNICEF: What is free play and why should you encourage it at home? Freies Spiel gibt Kindern die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, was und wie sie spielen. Es unterstützt unter anderem Kreativität, Selbstständigkeit und das Entwickeln eigener Ideen.
- Association Montessori Internationale: Montessori Environments. Die vorbereitete Umgebung ist ein zentraler Gedanke der Montessori-Pädagogik: Materialien und Alltagsgegenstände sollen für Kinder zugänglich sein und selbstständiges Tätigwerden ermöglichen.
- UNICEF: 5 ways to help set your child up for success. Auch alltägliche Tätigkeiten wie Kochen, Wäsche sortieren oder gemeinsame Erledigungen können Lerngelegenheiten sein – Kinder brauchen dafür nicht ständig eigens vorbereitete Beschäftigungsangebote.
Hinweis: PapaKann ist kein pädagogischer oder medizinischer Fachdienst. Ich schreibe hier aus meiner persönlichen Erfahrung als Papa und verbinde diese mit ausgewählten fachlichen Quellen. Kinder entwickeln sich unterschiedlich – und was für unsere Familie funktioniert, muss nicht automatisch für jede andere Familie passen.
