Familienbett: Warum unsere Kinder bei uns schlafen dürfen
„Wie? Eure Kinder schlafen noch bei euch?“
Ja.
Wobei „schlafen“ bei drei kleinen Kindern teilweise eine recht großzügige Beschreibung dessen ist, was nachts passiert.
Wir schlafen im Familienbett.
Nicht, weil wir glauben, dass jedes Kind im Elternbett schlafen muss.
Nicht, weil Kinder niemals alleine schlafen sollten.
Und auch nicht, weil wir nachts besonders romantische Vorstellungen vom Familienleben hätten.
Wer einmal um 3:17 Uhr einen Kinderfuß im Gesicht hatte, weiß:
Familienbett ist vieles. Wellness gehört nicht dazu.
Trotzdem passt es zu uns.
Und irgendwann haben wir aufgehört, uns die Frage zu stellen:
„Wann schlafen die Kinder endlich alleine?“
Viel interessanter fanden wir:
Warum sollten unsere Kinder nachts plötzlich weniger Nähe brauchen als tagsüber?
Warum wir überhaupt im Familienbett gelandet sind
Es gab bei uns keinen Familienrat.
Keine PowerPoint.
Keine Abstimmung:
„Liebe Familie, Tagesordnungspunkt 3: zukünftige Schlafarchitektur.“
Es hat sich entwickelt.
Unsere Kinder wollten Nähe.
Wir wollten schlafen.
Das Baby musste gestillt werden.
Nachts ständig aufzustehen, ein Kind zu beruhigen und wieder zurückzugehen, erschien uns nicht automatisch sinnvoller als gemeinsam zu schlafen.
Also blieben die Kinder bei uns.
Und irgendwann war das Familienbett nicht mehr die Übergangslösung.
Es war einfach:
unser Bett.
Familienbett mit Kindern: Für uns kein Problem, das gelöst werden muss
Rund um Kinderschlaf wird erstaunlich schnell von etwas gesprochen, das ein Kind „lernen“ müsse.
Durchschlafen.
Alleine einschlafen.
Im eigenen Bett schlafen.
Sich selbst beruhigen.
Natürlich entwickeln Kinder mit der Zeit immer mehr Selbstständigkeit.
Aber ich sehe keinen Preis dafür, diese Entwicklung möglichst früh abzuschließen.
Unsere Kinder müssen mit zwei, drei oder vier Jahren nicht beweisen, dass sie ohne uns schlafen können.
Wenn sie nachts unsere Nähe suchen, dürfen sie sie bekommen.
Das bedeutet nicht:
Alle Kinder brauchen ein Familienbett.
Es bedeutet:
Unsere Kinder dürfen bei uns schlafen, solange dieses Modell für unsere Familie funktioniert.
Fünf Menschen in einem Bett – romantischer als es klingt
Familienbett klingt wahnsinnig kuschelig.
Ist es auch.
Ungefähr sieben Minuten lang.
Danach beginnt die nächtliche Gebietsaufteilung.
Ein Kind schläft quer.
Eines braucht erstaunlicherweise 70 Prozent der verfügbaren Bettdecke.
Das Baby möchte stillen.
Jemand hat Durst.
Jemand sucht sein Kuscheltier.
Und Papa wacht irgendwann auf einem ungefähr 23 Zentimeter breiten Streifen Matratze auf.
Zeit statt Zeug. Platz offenbar auch.
Mit drei Kindern wird außerdem ziemlich schnell klar:
Ein Familienbett braucht nicht nur eine Haltung.
Es braucht Quadratmeter.
Und deshalb gehört für mich auch diese Wahrheit dazu:
Familienbett kann nerven.
Nähe kann wunderschön sein und gleichzeitig anstrengend.
Beides darf stimmen.
Nähe in der Nacht ist für uns kein schlechtes Schlafverhalten
Ich möchte meinen Kindern nicht vermitteln:
Tagsüber darfst du mich brauchen.
Aber nachts solltest du möglichst unabhängig funktionieren.
Kinder wachen nachts auf.
Sie träumen.
Sie erschrecken.
Sie sind krank.
Sie suchen Körperkontakt.
Ein Baby hat überhaupt keine Ahnung, dass wir Erwachsenen irgendwann beschlossen haben, acht Stunden möglichst ungestört in einem eigenen Bett verbringen zu wollen.
Nähe ist für uns deshalb kein Verhalten, das wir unseren Kindern abgewöhnen möchten.
Das passt zu unserer grundsätzlichen Haltung auch tagsüber.
Aber, und das ist mir bei diesem Thema besonders wichtig:
Nähe und sicherer Babyschlaf sind zwei unterschiedliche Fragen.
Familienbett mit Baby: Sicherheit geht vor Ideologie
Sobald ein Baby mit im Spiel ist, reicht ein gemütliches „Bei uns funktioniert’s“ nicht.
Denn Familienbett mit älteren Kindern und Bed-Sharing mit einem Säugling sind sicherheitsmedizinisch nicht dasselbe Thema.
Auch „Co-Sleeping“ ist als Begriff ungenau: Fachgesellschaften unterscheiden zwischen Room-Sharing – Baby schläft im selben Zimmer auf einer eigenen Schlaffläche – und Bed-Sharing, bei dem Baby und Eltern dieselbe Schlaffläche teilen. American Academy of Pediatrics
Die American Academy of Pediatrics empfiehlt für Säuglinge Room-Sharing auf einer eigenen festen und ebenen Schlaffläche mindestens während der ersten sechs Monate und empfiehlt Bed-Sharing nicht. American Academy of Pediatrics
Der britische NHS formuliert etwas pragmatischer: Eine eigene Schlafmöglichkeit im selben Raum sei am sichersten, gibt aber zusätzlich Hinweise zur Risikoreduktion für Eltern, die ihr Bett dennoch mit ihrem Baby teilen. nhs.uk
Besonders problematisch ist gemeinsames Schlafen mit einem Säugling unter anderem bei Alkohol, Rauchen, sedierenden Medikamenten oder Drogen, Frühgeburt beziehungsweise niedrigem Geburtsgewicht sowie auf Sofa oder Sessel. Auch weiche Unterlagen, Kissen und lose Decken können das Risiko erhöhen. American Academy of Pediatrics
Und ein Punkt ist für uns mit mehreren Kindern besonders relevant: Der NHS rät davon ab, gleichzeitig andere Kinder oder Haustiere mit einem Baby im selben Bett schlafen zu lassen. nhs.uk
„Wir schlafen im Familienbett“ ist deshalb keine Sicherheitsempfehlung von PapaKann.
Es ist unsere Familiengeschichte.
Bei einem Säugling sollte die konkrete Schlafsituation immer anhand aktueller Safe-Sleep-Empfehlungen beurteilt werden.
Müssen Kinder nicht lernen, alleine zu schlafen?
Die Frage kommt irgendwann ziemlich zuverlässig.
Meine Gegenfrage wäre:
Bis wann?
Mit zwei?
Vier?
Sechs?
Und wer legt das fest?
Natürlich möchte ich, dass unsere Kinder irgendwann selbstständig schlafen können.
Ich möchte auch, dass sie irgendwann selbstständig wohnen können.
Trotzdem suche ich für meinen Vierjährigen noch keine Garçonnière.
Selbstständigkeit ist für mich kein Schalter.
Sie entwickelt sich.
Kinder werden größer.
Bedürfnisse verändern sich.
Irgendwann wird Nähe vielleicht peinlich.
Irgendwann wird die Tür zugemacht.
Irgendwann heißt es möglicherweise:
„Papa, geh raus.“
Das kommt vermutlich früh genug.
Bis dahin muss ich Selbstständigkeit nicht dadurch trainieren, dass ich Nähe künstlich verknappe.
Drei Kinder verändern auch das Familienbett
Beim ersten Kind lässt sich vieles noch rund um dieses eine Kind organisieren.
Beim dritten nicht mehr.
Ein Kind möchte kuscheln.
Eines schläft.
Eines wird gestillt.
Eines tritt.
Manchmal vermutlich dasselbe.
Drei Kinder haben uns generell ziemlich gut darin trainiert, Vorstellungen davon loszulassen, wie Familienalltag theoretisch funktionieren sollte.
Das gilt auch nachts.
Wir suchen nicht nach der perfekten Schlaflösung.
Wir suchen nach einer, bei der möglichst viele Menschen möglichst viel Schlaf bekommen.
An manchen Nächten funktioniert das erstaunlich gut.
An anderen Nächten funktioniert gar nichts.
Auch das wäre in drei getrennten Schlafzimmern vermutlich nicht automatisch anders.
Und was ist mit der Paarbeziehung?
Eine der Lieblingsfragen zum Familienbett.
Meistens mit einem Gesichtsausdruck, der ziemlich eindeutig vermittelt, was eigentlich gefragt wird.
Also:
Wie macht ihr dann weitere Kinder?
Offensichtlich haben wir dafür eine Lösung gefunden.
Dreimal.
Nähe als Paar ist wichtig.
Sexualität ist wichtig.
Zeit zu zweit ist wichtig.
Aber ich wusste bis heute nicht, dass all das ausschließlich zwischen 22 und 6 Uhr in einem Doppelbett stattfinden darf.
Ein Familienbett zwingt uns vielleicht sogar stärker dazu, Paarzeit bewusst zu gestalten.
Denn Elternschaft frisst diese Zeit ohnehin schnell auf.
Mit oder ohne Kinder im Bett.
Familienbett heißt nicht: Kinder bestimmen alles
Auch hier gilt für mich etwas, das generell für bedürfnisorientierte Erziehung gilt:
Die Bedürfnisse der Kinder zählen.
Unsere aber auch.
Wenn jemand dauerhaft nicht schlafen kann, müssen wir etwas verändern.
Wenn ein Elternteil das Familienbett nicht möchte, reicht nicht:
„Aber das Kind braucht Nähe.“
Familie besteht nicht aus Kindern und erwachsenen Servicekräften.
Eine Schlaflösung muss für die Menschen funktionieren, die darin schlafen.
Vielleicht ist das Familienbett dann groß.
Vielleicht schläft zeitweise jemand woanders.
Vielleicht gibt es ein Beistellbett.
Vielleicht wechseln Kinder irgendwann ins eigene Bett.
Bedürfnisorientierung bedeutet nicht, dass ausschließlich die Bedürfnisse der Kinder entscheiden.
Was bei uns funktioniert – und was überhaupt nicht
Was für uns funktioniert:
Nähe nicht zum Problem machen.
Nachts möglichst wenig Action.
Pragmatisch bleiben.
Schlaf wichtiger nehmen als irgendwelche Vorstellungen davon, wo ein Kind „eigentlich“ schlafen sollte.
Und akzeptieren, dass sich Schlafphasen verändern.
Was überhaupt nicht funktioniert:
Zu glauben, weil gestern eine gute Nacht war, hätten wir jetzt das System verstanden.
Kinder riechen solche Überheblichkeit.
Dann kommt die nächste Nacht.
Wie lange bleiben unsere Kinder im Familienbett?
Keine Ahnung.
Das ist tatsächlich unsere Antwort.
Nicht:
Bis zwei.
Bis vier.
Bis zum Kindergarten.
Wir haben keinen Auszugstermin vereinbart.
Solange es für uns als Familie funktioniert, sehe ich keinen Grund, künstlich einen zu erfinden.
Und wenn es irgendwann nicht mehr funktioniert?
Dann verändern wir etwas.
Vielleicht wollen die Kinder irgendwann selbst in ihrem Zimmer schlafen.
Vielleicht wollen wir mehr Platz.
Vielleicht brauchen unterschiedliche Kinder unterschiedliche Lösungen.
Familie ist kein Möbelstück, das man einmal aufbaut und dann 18 Jahre nicht mehr verändert.
PapaKann-Fazit
Wir schlafen im Familienbett.
Nicht weil Familienbett die einzig richtige Form von Kinderschlaf wäre.
Nicht weil Kinder im eigenen Bett weniger Nähe bekommen.
Und schon gar nicht, weil jede Familie es genauso machen sollte.
Es funktioniert für uns.
Zumindest meistens.
Unsere Kinder dürfen nachts Nähe suchen.
Sie müssen Selbstständigkeit nicht dadurch beweisen, dass sie möglichst früh alleine schlafen.
Gleichzeitig zählt auch unser Schlaf.
Unsere Paarbeziehung.
Unsere Grenzen.
Und bei einem Baby zählt vor allem:
Sicherheit geht vor Haltung.
Vielleicht ist das Familienbett irgendwann Geschichte.
Vielleicht früher.
Vielleicht später.
Bis dahin liegen wir eben da.
Fünf Menschen.
Mehrere Decken.
Viel Nähe.
Wenig Platz.
Und irgendwo auf meinen Rippen vermutlich wieder ein Kinderfuß.
Quellen & Weiterlesen
American Academy of Pediatrics – Safe Sleep Recommendations / Evidence Base (2022)
Die AAP unterscheidet klar zwischen Room-Sharing und Bed-Sharing. Für Säuglinge empfiehlt sie, mindestens während der ersten sechs Monate im selben Raum wie die Eltern, aber auf einer eigenen festen Schlaffläche zu schlafen. Room-Sharing ohne Bed-Sharing ist nach der ausgewerteten Evidenz mit einem geringeren Risiko für SIDS und andere schlafbezogene Todesfälle verbunden.
The Lullaby Trust – Co-sleeping
Der Lullaby Trust bietet eine differenzierte Einordnung für Familien, die ihr Bett mit einem Baby teilen oder unbeabsichtigt gemeinsam einschlafen. Besonders wichtig: Kein Bed-Sharing nach Alkohol, bei Rauchen, nach sedierenden Medikamenten oder Drogen sowie bei Frühgeburt beziehungsweise niedrigem Geburtsgewicht. Von gemeinsamem Schlafen mit einem Baby auf Sofa oder Sessel wird ausdrücklich abgeraten.
Aus der PapaKann-Handbibliothek
Remo H. Largo – Kinderjahre
Largo ist für uns vor allem als weiterführende Perspektive auf die große individuelle Bandbreite kindlicher Entwicklung interessant. Auch Schlafentwicklung verläuft nicht bei jedem Kind nach demselben Zeitplan.
Nicola Schmidt – artgerecht – Das andere Kleinkinderbuch
Schmidt beschäftigt sich aus bindungs- und bedürfnisorientierter Perspektive mit Nähe, Schlaf und Familienalltag. Das Buch ist eine praktische Ergänzung zu den medizinischen Safe-Sleep-Empfehlungen – ersetzt diese aber ausdrücklich nicht.
Hinweis
Dieser Artikel beschreibt unsere persönlichen Erfahrungen mit dem Familienbett. Bei Säuglingen gelten besondere Anforderungen an eine sichere Schlafumgebung. Unsere Erfahrungen sind daher keine Empfehlung für Bed-Sharing. Für die konkrete Schlafsituation eines Babys sollten aktuelle Safe-Sleep-Empfehlungen berücksichtigt werden.
