Baby beim Baby-led Weaning mit Reis am Familientisch

Baby-led Weaning (BLW): Warum bei uns kein Brei auf den Tisch kommt

Drei Kinder. Kein einziges Gläschen Babybrei.

Nicht, weil wir Brei für gefährlich halten.

Nicht, weil Eltern, die Brei füttern, irgendetwas falsch machen.

Und schon gar nicht, weil unsere Kinder mit sechs Monaten plötzlich kleine Gourmets gewesen wären, die nach Risotto und Ofengemüse verlangt hätten.

Sondern weil sich für uns eine andere Frage gestellt hat:

Warum sollten wir unserem Baby etwas anderes kochen als dem Rest der Familie?

Bei uns sitzen Babys von Anfang an mit am Tisch.

Sie schauen.

Sie greifen.

Sie zerdrücken.

Sie werfen erstaunlich viel davon auf den Boden.

Und irgendwann landet tatsächlich etwas im Mund.

Willkommen bei Baby-led Weaning.

Was ist Baby-led Weaning überhaupt?

Baby-led Weaning – kurz BLW – bedeutet vereinfacht gesagt: Das Baby wird beim Übergang von Milch zu fester Nahrung nicht hauptsächlich mit Brei gefüttert, sondern bekommt geeignete Lebensmittel angeboten, die es selbst greifen und essen kann.

Dabei entscheidet das Kind, was davon und wie viel es essen möchte. Genau so beschreiben es auch die österreichischen Beikostempfehlungen.

Für uns passt das zu etwas, das weit über Ernährung hinausgeht:

Kinder dürfen selbst tätig werden.

Wir bestimmen, was auf den Tisch kommt.

Das Kind entscheidet, ob und wie viel davon in seinem Bauch landet.

Das entspricht auch dem Grundgedanken des „responsive feeding“: Hunger- und Sättigungssignale des Kindes wahrnehmen und darauf reagieren, statt eine bestimmte Menge ins Kind bekommen zu wollen. Die WHO betrachtet responsives Füttern als wichtigen Bestandteil einer angemessenen Ernährung kleiner Kinder.

Warum wir bei BLW auf Babybrei verzichten

Ich muss an dieser Stelle ein kleines Wort hervorheben:

Wir.

Wir würden unsere Kinder nicht klassisch mit Brei füttern.

Das bedeutet nicht:

Niemand sollte seinem Kind Brei geben.

Denn wissenschaftlich wäre diese Behauptung nicht haltbar. Auch mit Brei kann bedürfnisorientiert gefüttert werden. Und die österreichischen Empfehlungen stellen ausdrücklich fest, dass sich Fingerfood und traditionelle Breigabe nicht gegenseitig ausschließen.

Für uns fühlt sich BLW trotzdem logischer an.

Weil unser Baby nicht separat versorgt wird.

Es nimmt an einer Familienmahlzeit teil.

Es bekommt nicht zuerst sein Essen, damit danach die Erwachsenen essen können.

Wir essen gemeinsam.

Und das verändert überraschend viel.

Baby-led Weaning bedeutet Familienessen

BLW hat nämlich einen Nebeneffekt, über den viel weniger gesprochen wird.

Wenn das Baby dasselbe Grundessen bekommt wie der Rest der Familie, kannst du nicht sagen:

„Fürs Baby gibt’s heute etwas Gesundes.“

Und dir selbst danach irgendeinen Mist aufwärmen.

Das Baby sitzt daneben.

Und will natürlich exakt das haben, was auf deinem Teller liegt.

BLW hat deshalb nicht nur verändert, wie unsere Babys essen. Es hat verändert, wie wir als Familie kochen.

Frisches Gemüse.

Obst.

Kartoffeln.

Nudeln.

Reis.

Hülsenfrüchte.

Ei.

Fisch oder Fleisch, wenn wir es essen.

Unterschiedliche Konsistenzen und Geschmäcker.

Und daraus entsteht keine komplizierte „Babyküche“.

Es entsteht schlicht:

Essen.

Natürlich altersgerecht zubereitet. Aber grundsätzlich für alle.

Warum wir seit BLW jeden Tag frisch kochen

Das ist für mich einer der größten Vorteile.

Wenn Kinder von Anfang an Familienessen kennenlernen sollen, muss es zuhause etwas geben, das man ihnen guten Gewissens anbieten kann.

Und damit wird Kochen vom gelegentlichen Hobby zu einem ziemlich selbstverständlichen Bestandteil des Familienalltags.

Nicht:

Was koche ich heute fürs Baby?

Sondern:

Was essen wir heute?

Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Und nein: „frisch kochen“ bedeutet bei uns nicht, jeden Dienstag ein Dreigangmenü mit selbst gezogenem Fenchel anzurichten.

Manchmal sind es Nudeln mit Gemüse.

Kartoffeln und Ei.

Ein Eintopf.

Ofengemüse.

Oder irgendetwas, das in zwanzig Minuten am Tisch steht.

Entscheidend ist für uns nicht kulinarische Perfektion.

Entscheidend ist, dass echtes Essen zur Normalität gehört.

Die WHO empfiehlt in der Beikostzeit ausdrücklich eine abwechslungsreiche und nährstoffreiche Ernährung und eine mit dem Alter zunehmende Vielfalt und Konsistenz. Rund um sechs Monate beginnt üblicherweise die Phase, in der Muttermilch bzw. Säuglingsnahrung allein den steigenden Energie- und Nährstoffbedarf nicht mehr vollständig deckt.

Was Babys bei BLW essen können

Das ist mir wichtig.

BLW darf nicht zu einem romantischen Instagram-Konzept werden, bei dem ein Baby an einer Avocado lutscht und damit wäre Ernährung erledigt.

Gerade im ersten Lebensjahr muss auf eine ausreichende Energie- und Nährstoffversorgung geachtet werden. Bei strengem BLW ist die Studienlage dazu noch nicht ausreichend, insbesondere mit Blick auf Energie und Eisen. Genau darauf weisen sowohl die österreichischen Empfehlungen als auch die europäische Fachgesellschaft ESPGHAN hin.

Deshalb gehört für uns zu BLW auch:

abwechslungsreich anbieten, nährstoffreiche Lebensmittel einplanen und nicht einfach darauf vertrauen, dass drei Stück Gurke schon eine Mahlzeit ergeben.

Und natürlich muss Essen sicher angeboten werden.

All das gelingt aber ganz einfach, in dem wir Lebensmittel retten und so Obst, Gemüse und andere Speisen im Überfluss zu günstigem Geld haben können.

BLW und Verschlucken: Wie sicher ist Baby-led Weaning?

Das war auch bei uns eine der ersten Fragen.

Würgen und tatsächliches Ersticken sind nicht dasselbe. Trotzdem muss man das Thema ernst nehmen.

Nach bisheriger Studienlage zeigt BLW gegenüber Mischformen oder Breikost kein nachgewiesen höheres Verschluckungsrisiko, wenn Lebensmittel altersgerecht und sicher angeboten werden. Bestimmte Lebensmittel bleiben aber riskant, etwa ganze Nüsse, ganze Trauben, rohe harte Apfel- oder Gemüsestücke. Babys sollten beim Essen aufrecht sitzen, beaufsichtigt werden und in ihrem eigenen Tempo essen dürfen.

Für mich gehört deshalb Wissen über sicheres Essen genauso zu BLW wie der Hochstuhl (TrippTrapp).

Essen lernen heißt mehr als satt werden

Vielleicht ist das der Teil, den ich an BLW am meisten mag.

Ein Baby bekommt nicht einfach Nahrung.

Es erlebt Essen.

Wie fühlt sich eine Kartoffel an?

Was passiert, wenn ich eine Himbeere zerdrücke?

Wie riecht Brokkoli?

Wie schmeckt etwas Saures?

Was kann ich mit meinen Händen greifen?

Wie lerne ich Geschmäcker in seiner Reinform kennen?

Und, eine der wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse des ersten Lebensjahres:

Was passiert, wenn ich das Essen zum siebzehnten Mal auf den Boden werfe?

Spoiler:

Papa hebt es zum siebzehnten Mal auf.

BLW ist für uns deshalb weniger eine Ernährungsmethode als eine Haltung.

Ich traue meinem Kind etwas zu.

Und wenn das Baby bei BLW fast nichts isst?

Auch das gehört dazu.

Es gibt Tage, an denen du liebevoll kochst, Gemüse schneidest und dir denkst:

Heute wird fantastisch gegessen.

Das Baby nimmt ein Stück Kartoffel.

Lutscht zweimal daran.

Wirft es runter.

Stillt danach.

Ende der Vorstellung.

Auch das ist okay.

Beikost heißt schließlich Beikost und nicht „Ab-heute-musst-du-davon-satt-werden-Kost“.

Gerade zu Beginn bleibt Milch ein zentraler Bestandteil der Ernährung. Die WHO empfiehlt den Beginn geeigneter Beikost etwa um sechs Monate bei fortgesetztem Stillen.

Was BLW bei uns wirklich verändert hat

Wir haben unseren Kindern mit BLW nicht nur Essen gegeben.

Wir mussten unser eigenes Essen hinterfragen.

Wenn ich möchte, dass meine Kinder Gemüse essen, sollte vielleicht auch Gemüse auf meinem Teller liegen.

Wenn ich möchte, dass Wasser das normale Getränk ist, sollte Wasser normal sein.

Wenn gemeinsames Essen wichtig sein soll, müssen wir uns dafür Zeit nehmen.

Kinder lernen eben nicht nur dadurch, was wir ihnen auf den Teller legen.

Sie sehen auch, wie wir selbst essen. Und welche Tischrituale und Essenszeiten es gibt.

Und vielleicht ist das der größte Grund, warum wir BLW bei allen unseren Kindern wieder so machen würden.

Nicht weil Brei schlecht ist.

Sondern weil wir nie das Gefühl hatten, dass unsere Babys ein eigenes Ernährungssystem brauchen.

Sie gehören an unseren Tisch.

Von Anfang an.

Mit ihrem eigenen Tempo.

Mit ihren eigenen Händen.

Und mit erstaunlich viel Essen unter dem Tisch.

PapaKann-Fazit:
BLW ist für uns keine Methode, mit der wir beweisen wollen, wie bedürfnisorientiert wir sind. Es ist eigentlich ziemlich unspektakulär:

Wir kochen gutes Essen.
Wir setzen uns gemeinsam an den Tisch.
Wir bieten unserem Kind etwas davon an.
Und dann vertrauen wir ihm.

Der Rest landet ohnehin am Boden.

Quellen & Weiterlesen

AGES / Österreichische Beikostempfehlungen – Einordnung von Baby-led Weaning, Beikostbeginn sowie Nährstoffversorgung. Besonders relevant, weil es die österreichischen Empfehlungen sind.

World Health Organization (WHO), Guideline for complementary feeding of infants and young children 6–23 months – aktuelle internationale Leitlinie zu Beikost, Vielfalt, Nährstoffversorgung und responsivem Füttern.

Gesund ins Leben, „Brei und Baby-led weaning – Was ist bei der Beikost zu beachten?“ – gute evidenzbasierte Einordnung von BLW, Verschluckungsrisiko, Vielfalt und selbstbestimmtem Essen.

Gill Rapley & Tracey Murkett – Baby-led Weaning: Das Grundlagenbuch
Das Standardwerk zum BLW-Ansatz. Erklärt die Grundidee des selbstbestimmten Beikoststarts, geeignete Lebensmittel, gemeinsames Familienessen und die praktische Umsetzung.

PapaKann ersetzt keine medizinische oder ernährungsmedizinische Beratung. Bei Fragen zur Entwicklung, Nährstoffversorgung, Allergien oder individuellen Beikostreife bitte Kinderärzt:in bzw. qualifizierte Ernährungsfachkraft einbeziehen.

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