Was geht mich der Scheiß an? Warum wir mit Stoffwindeln wickeln.
Ziemlich viel, wie sich herausgestellt hat.
Drei Kinder.
Unzählige Windelwechsel.
Und bei uns wandert danach meistens keine Windel in den Mistkübel.
Wir wickeln mit Stoff.
Nicht, weil wir jeden Morgen aufstehen und überlegen, wie wir unseren Familienalltag noch komplizierter machen könnten.
Und auch nicht, weil Eltern mit Wegwerfwindeln jetzt bitte ein schlechtes Gewissen haben sollen.
Sondern weil Stoffwindeln für uns irgendwann schlicht die sinnvollere Lösung waren.
Und nachdem man das System einmal verstanden hat, ist es erstaunlich unspektakulär.
Windel runter.
Windel rauf.
Waschen.
Fertig.
Okay.
Der Scheiß muss vorher noch irgendwo hin.
Aber dazu kommen wir.
Stoffwindeln begleiten uns inzwischen durch den Familienalltag mit drei Kindern. Wir haben verschiedene Systeme ausprobiert, viel gewaschen und ziemlich schnell gelernt: Es gibt nicht die eine perfekte Stoffwindel – aber einige ziemlich gute Gründe, Mehrweg statt Einweg zumindest auszuprobieren.
Stoffwindeln: Welche Systeme gibt es?
Bei Stoffwindeln denken viele noch an ein quadratisches Baumwolltuch, Sicherheitsnadeln und einen großen Kochtopf.
Moderne Stoffwindeln können völlig anders aussehen.
Es gibt All-in-One-, Pocket-, Überhosen-, All-in-Two- und All-in-Three-Systeme, Prefolds, Höschenwindeln und ungefähr 47 weitere Begriffe, bei denen ich am Anfang auch dachte:
Ich wollte ein Baby wickeln und kein Studium beginnen.
Genau deshalb mein erster Tipp:
Lasst euch beraten.
Eine gute Stoffwindelberatung erklärt euch die unterschiedlichen Systeme und – noch wichtiger – lässt euch herausfinden, was zu eurem Alltag passt.
Denn die beste Stoffwindel ist nicht die theoretisch nachhaltigste.
Es ist die, die ihr tatsächlich verwendet.
Unsere Stoffwindeln: Culla di Teby und WindelManufaktur
Wir sind nach dem Ausprobieren bei zwei Systemen hängen geblieben.
Culla di Teby
Das italienische System funktioniert mit einer Stoffhose, einer herausnehmbaren wasserdichten „Culla“ und verschiedenen Saugeinlagen.
Was wir daran mögen:
Es ist schlank, flexibel und Teile müssen nicht zwangsläufig bei jedem kleinen Geschäft komplett in die Wäsche.
Der Hersteller produziert in Italien und verwendet nach eigenen Angaben unter anderem GOTS- und OEKO-TEX-zertifizierte Textilien. Das System lässt sich je nach Einlage als Stoff-, Hybrid- oder Schwimmwindel verwenden.
WindelManufaktur aus Dresden
Auch hier mögen wir vor allem das mehrteilige Prinzip.
Außenwindel, wasserdichte Innenwindel und Saugeinlage werden kombiniert. Dadurch muss nicht zwangsläufig nach jedem Wickeln die komplette Windel gewaschen werden.
Die WindelManufaktur produziert ihre Windeln in Dresden und bietet unterschiedliche Materialien und Einlagen an.
Das sind unsere persönlichen Favoriten.
Nicht „die besten Stoffwindeln der Welt“.
Was bei unserem Kind perfekt sitzt, kann bei einem anderen Körperbau nerven oder auslaufen.
Deshalb wieder:
Beratung. Testen. Dann kaufen.
Welche Vorteile haben Stoffwindeln?
Einwegwindeln haben eine ziemlich kurze Karriere.
Produziert.
Gekauft.
Einmal angezogen.
Pipi oder Kacka.
Mist.
Die Größenordnung summiert sich: Der Gemeindedienstleistungsverband Amstetten nennt für ein Wickelkind mehr als 6.000 Einwegwindeln und über den gesamten Wickelzeitraum mehr als eine Tonne Windelabfall, die mit Mehrwegwindeln vermieden werden kann.
Eine Stoffwindel dagegen kann hunderte Male verwendet werden.
Und danach möglicherweise noch am nächsten Kind.
Oder am nächsten.
Oder bei einer anderen Familie.
Damit kommen wir zu einem meiner Lieblingsthemen.
Stoffwindeln müssen nicht neu sein
Secondhand.
Gerade bei Stoffwindeln gibt es einen großen Gebrauchtmarkt.
Komplette Pakete, Überhosen, Einlagen, Wetbags.
Das senkt die Einstiegskosten erheblich und verlängert die Nutzungsdauer bereits produzierter Produkte.
Bei gebrauchten Windeln würde ich lediglich genauer auf den Zustand achten:
Gummis noch elastisch?
PUL bzw. wasserdichte Schicht intakt?
Klett und Druckknöpfe okay?
Einlagen noch saugfähig?
Dann kann Secondhand ein ziemlich guter Einstieg sein.
Und umgekehrt haben hochwertige Stoffwindeln nach der eigenen Wickelzeit häufig noch einen Wiederverkaufswert.
Zeit statt Zeug bedeutet für uns eben auch: Zeug darf mehrere Familien erleben.
Sind Stoffwindeln wirklich nachhaltiger?
Hier möchte ich nicht in die übliche Öko-Falle tappen.
Mehrweg = automatisch immer besser wäre zu einfach.
Denn Stoffwindeln müssen produziert werden.
Sie brauchen Wasser.
Waschmittel.
Strom.
Und möglicherweise einen Trockner. (Wir haben keinen!)
Lebenszyklusanalysen zeigen deshalb: Die Umweltbilanz von Stoffwindeln hängt stark davon ab, wie sie genutzt und gewaschen werden. Waschtemperatur, volle Maschinen, Trocknung und die Weiterverwendung für weitere Kinder können einen erheblichen Unterschied machen.
Für mich ist deshalb der eindeutigste Umweltvorteil zunächst ein anderer:
Wir produzieren wesentlich weniger Windelmüll.
Und wenn die Windeln lange genutzt, weitergegeben, effizient gewaschen und möglichst luftgetrocknet werden, verbessert das auch ihre Ökobilanz.
Und dann läuft halt ständig die Waschmaschine?
Ja.
Stoffwindeln teleportieren sich nach Gebrauch leider noch nicht sauber zurück in die Schublade.
Aber:
Wir haben drei Kinder.
Unsere Waschmaschine kennt ohnehin keine Kurzarbeit.
Für uns ist die zusätzliche Wäsche längst Routine.
Sammeln.
Waschen.
Trocknen.
Zusammenlegen.
Fertig.
Das ist zusätzliche Arbeit.
Die sollte man auch nicht schönreden.
Ob sie euch das wert ist, müsst ihr selbst entscheiden.
Was machen wir mit dem großen Geschäft?
Jetzt endlich zur wirklich wichtigen Frage.
Was geht mich der Scheiß an?
Bei einem voll gestillten Baby ist die Situation noch relativ unkompliziert.
Später landet fester Stuhl dort, wo er ohnehin hingehört:
im WC.
Ein Windelvlies kann dabei helfen, den Stuhl aus der Windel zu entfernen.
Danach wandert die Stoffwindel in die Wäsche.
Nach drei Kindern kann ich jedenfalls berichten:
Man verliert erstaunlich schnell Berührungsängste mit menschlichen Ausscheidungen.
Elternschaft ist wunderschön.
Stoffwindeln können sich finanziell rechnen
Der große Unterschied liegt beim Zeitpunkt der Kosten.
Wegwerfwindeln:
kleine Beträge, immer wieder.
Stoffwindeln:
größere Investition am Anfang, danach vor allem Waschkosten.
Ob und wie viel man spart, hängt stark vom gewählten System, Energiepreisen und der Nutzungsdauer ab.
Besonders interessant wird die Rechnung aber, wenn Windeln
secondhand gekauft, für mehrere Kinder verwendet und anschließend wieder verkauft werden.
Zero Waste Austria hat beispielsweise Anschaffungs- und laufende Waschkosten verschiedenen Einwegvarianten gegenübergestellt und kommt – abhängig von den Annahmen – zu einem Kostenvorteil für Mehrweg.
Bei drei Kindern verschiebt sich die Rechnung natürlich noch einmal.
Denn die Windel für Kind Nummer zwei muss nicht noch einmal produziert und gekauft werden.
Windelgutschein in Österreich: Förderung für Stoffwindeln
Das finde ich besonders erwähnenswert.
In Teilen Österreichs werden Familien beim Einstieg in Mehrwegwindeln finanziell unterstützt.
Der österreichische Windelgutschein wird regional über teilnehmende Gemeinden bzw. Abfallverbände unterstützt. Höhe und Voraussetzungen können sich je nach Wohnort unterscheiden – deshalb unbedingt aktuell bei Gemeinde oder zuständigem Abfallverband nachfragen. Der GDA Amstetten etwa informiert ausdrücklich über den österreichischen Windelgutschein für Mehrwegwindeln.
Das ist für mich ziemlich sinnvolle Familienförderung:
Die öffentliche Hand unterstützt eine Anschaffung, die gleichzeitig kommunalen Restmüll reduzieren kann.
Mein wichtigster Tipp: Nicht sofort 25 gleiche Windeln kaufen
Stoffwindel-Internet ist gefährlich.
Die Muster!
Die Farben!
Die kleinen Füchse!
Und plötzlich besitzt man 28 Windeln, bevor das Kind überhaupt geboren ist.
Ich würde heute anders anfangen:
Beratung → verschiedene Systeme testen → Favoriten finden → gebraucht schauen → dann Ausstattung aufbauen.
Denn Passform und Alltagstauglichkeit sind individuell.
Was andere Eltern in einer Facebook-Gruppe als die einzig wahre Windel verteidigen, muss bei eurem Kind überhaupt nicht funktionieren.
Und nein: Ihr müsst nicht 100 Prozent Stoff wickeln
Auch das ist mir wichtig.
Stoffwindeln sind keine Religion.
Wenn Stoff zuhause funktioniert, unterwegs aber Wegwerfwindeln entspannter sind:
Okay.
Wenn die Nachtwindel Einweg ist:
Okay.
Wenn die Großeltern nur Wegwerfwindeln verwenden möchten:
Auch okay.
80 Prozent Stoff sind nicht gescheitert, weil 20 Prozent Einweg sind.
Familienalltag muss funktionieren.
Nachhaltigkeit, die Eltern komplett überfordert, hält meistens ohnehin nicht besonders lange.
PapaKann-Fazit
Stoffwindeln bedeuten mehr Wäsche.
Sie brauchen am Anfang etwas Beschäftigung mit dem Thema.
Und ja:
Man beschäftigt sich überraschend intensiv mit Pipi und Kacka.
Dafür bekommen wir etwas, das zu unserem Familienleben ziemlich gut passt:
weniger Wegwerfmüll,
wiederverwendbare Produkte,
einen hervorragenden Gebrauchtmarkt,
und Windeln, die problemlos von Kind zu Kind weiterziehen können.
Unser Weg war:
beraten lassen, ausprobieren, gebraucht kaufen und das System finden, das zu uns passt.
Nicht perfekt nachhaltig.
Nicht dogmatisch.
Einfach eine Sache weniger, die wir jeden Tag wegwerfen.
Und damit geht mich der Scheiß dann eben doch ziemlich viel an.
P.S.: Das Wichtigste zum Schluss: Kinder mit Stoffwindeln gehen früher aufs Klo.
Die Vorteile von Stoffwindeln – für uns
Warum sind wir nach drei Kindern immer noch bei Stoffwindeln geblieben?
Nicht wegen eines einzelnen großen Arguments. Es sind viele kleine Dinge, die für uns zusammenpassen.
Weniger Müll.
Das ist der offensichtlichste Unterschied. Eine Wegwerfwindel wird einmal verwendet. Stoffwindeln immer und immer wieder.
Sie wachsen mit der Familie mit.
Viele unserer Windeln haben nicht nur ein Kind gewickelt. Gerade bei mehreren Kindern relativiert sich dadurch auch die anfänglich höhere Investition.
Secondhand funktioniert hervorragend.
Stoffwindeln lassen sich gebraucht kaufen und – wenn sie noch gut erhalten sind – später wieder weitergeben oder verkaufen. Das passt ziemlich genau zu unserem Grundsatz: Zeit statt Zeug. Und wenn Zeug, dann möglichst lange.
Wir können das System anpassen.
Mehr Saugkraft für die Nacht, eine schlankere Variante tagsüber, andere Einlagen je nach Situation. Stoffwindeln sind erstaunlich flexibel, sobald man einmal verstanden hat, was man da eigentlich zusammenknöpft.
Der Windelmüll verschwindet fast vollständig.
Gerade wenn man einmal gesehen hat, wie viele Einwegwindeln ein einziges Kind während seiner Wickelzeit verbraucht, ist das für mich ein ziemlich starkes Argument.
Und langfristig können sie günstiger sein.
Nicht automatisch. Wer 30 neue Designerwindeln kauft, jeden Waschgang halbvoll bei 90 Grad laufen lässt und alles in den Trockner steckt, wird andere Ergebnisse bekommen. Wer gebraucht kauft, effizient wäscht und die Windeln für mehrere Kinder verwendet, hat dagegen ganz andere Voraussetzungen.
Aber natürlich gibt es auch die andere Seite:
Stoffwindeln machen Arbeit.
Sie müssen gesammelt, gewaschen, getrocknet und wieder vorbereitet werden. Am Anfang muss man sich mit verschiedenen Systemen beschäftigen. Und nicht jede Windel passt zu jedem Kind.
Deshalb ist mein größter Vorteil vielleicht gar keiner, den man in einer Ökobilanz berechnen kann:
Wir haben ein System gefunden, das zu unserem Familienalltag passt.
Und genau darum geht es.
Quellen & Weiterlesen
UK Environment Agency – Life Cycle Assessment of Disposable and Reusable Nappies
Eine der wichtigen Lebenszyklusanalysen zum Vergleich von Einweg- und Mehrwegwindeln. Besonders relevant: Die Umweltwirkung von Stoffwindeln hängt erheblich von der tatsächlichen Nutzung ab – etwa Wasch- und Trockengewohnheiten und Nutzungsdauer.
GDA Amstetten – Mehrwegwindeln und österreichischer Windelgutschein
Österreichische Informationen zu Mehrwegwindeln, vermiedenem Windelabfall, möglichen Kostenvorteilen und zur regionalen Förderung über den Windelgutschein.
Zero Waste Austria – Stoffwindeln vs. Wegwerfwindeln
Praxisnaher österreichischer Vergleich von Anschaffungs-, Wasch- und laufenden Kosten sowie Nachhaltigkeitsaspekten unterschiedlicher Wickelsysteme.
PapaKann ersetzt keine medizinische oder individuelle Fachberatung. Dieser Beitrag verbindet unsere persönlichen Erfahrungen als Familie mit öffentlich zugänglichen Informationen und Fachquellen.
