Kinderlärm ist kein Lärmproblem. Unser Umgang damit schon.
Kinderlärm wird schnell zum Konfliktthema, sobald Kinder dort spielen, wo andere Menschen wohnen. Aber wann wird aus normalem kindlichem Leben tatsächlich störender Lärm und wie viel Raum lassen wir Kindern überhaupt noch?
„Kinder dürfen hier eigentlich eh fast alles.“
Dieser Satz fällt erstaunlich oft kurz bevor eine ziemlich lange Liste beginnt.
Nicht mit dem Ball spielen.
Nicht auf der Wiese.
Nicht im Innenhof.
Nicht zu laut.
Nicht laufen.
Nicht mit Kreide malen.
Nicht vor dem Haus spielen.
Aber sonst:
Kinder dürfen hier eh fast alles.
Willkommen im kinderfreundlichen Wohnen.
Kinder haben kein Recht darauf, rücksichtslos zu sein. Aber sie haben ein Recht auf Spiel. Und Spiel ist nun einmal nicht geräuschlos.
Wir wollen Kinder. Nur bitte leise.
Österreich diskutiert regelmäßig darüber, dass zu wenige Kinder geboren werden.
Familien sollen unterstützt werden.
Kinder sind unsere Zukunft.
Und dann zieht eine Familie irgendwo ein und stellt fest:
Die Zukunft sollte bitte zwischen 12 und 15 Uhr Mittagsruhe halten.
Natürlich ist Lärm ein echtes Thema.
Menschen brauchen Ruhe.
Nachbarn dürfen Rücksicht erwarten.
Auch Familien mit Kindern müssen nicht davon ausgehen, dass alle anderen Menschen ihr Familienleben automatisch großartig finden.
Aber:
Kinder existieren nicht geräuschlos.
Kinderlärm und Rücksichtnahme: Beides gehört zusammen
Kinder laufen.
Sie hüpfen.
Sie rufen einander.
Sie fahren Fahrrad.
Sie werfen Bälle.
Sie streiten.
Sie lachen laut.
Und gelegentlich fährt irgendein Plastikfahrzeug über Pflastersteine, dessen Konstrukteur offenbar hauptberuflich Gehörschutz verkauft.
Das alles ist nicht automatisch mangelnde Erziehung.
Es ist häufig schlicht:
Kindheit.
Trotzdem verschwinden Orte, an denen genau das stattfinden darf.
Der Spielplatz ist keine Kinderaufbewahrungszone
Wir haben uns daran gewöhnt, Kindheit räumlich zu sortieren.
Hier wohnen Erwachsene.
Dort fahren Autos.
Da wird eingekauft.
Und dort hinten:
Spielplatz.
Da dürfen Kinder Kinder sein.
Aber Familien leben nicht ausschließlich auf Spielplätzen.
Kinder gehören in Innenhöfe.
Auf Gehsteige.
In Züge.
In Restaurants.
Auf Plätze.
In Wohnanlagen.
Kurz:
mitten in die Gesellschaft.
Rücksichtnahme gilt in beide Richtungen
Ich finde nicht, dass Kinder alles dürfen sollten.
Wenn mein Kind absichtlich gegen eine fremde Wohnungstür hämmert, ist meine Antwort nicht:
„Bedürfnisorientiert.“
Wenn nachts geschlafen wird, nehme ich darauf Rücksicht.
Wenn Eigentum anderer beschädigt wird, greife ich ein.
Wenn andere Menschen erkennbar beeinträchtigt werden, trage ich als Papa Verantwortung.
Aber Rücksichtnahme kann nicht bedeuten:
Die Erwachsenen definieren Ruhe – und Kinder müssen sich möglichst unsichtbar darin bewegen.
Auch Erwachsene verursachen Geräusche.
Rasenmäher.
Autos.
Fernseher.
Partys.
Staubsauger.
Bohrmaschinen.
Nur wird das häufig anders bewertet.
„Früher waren Kinder auch nicht so laut.“
Vielleicht.
Vielleicht waren sie aber auch einfach woanders.
Kinder verbrachten deutlich mehr Zeit unbeaufsichtigt draußen.
Straßen und Freiflächen waren stärker Spielräume.
Und viele Tätigkeiten, die heute zwischen parkenden Autos, Privatgrundstücken und Hausordnungen kaum Platz finden, fanden schlicht draußen statt.
Wenn wir Kindern immer weniger Raum geben, dürfen wir uns nicht wundern, wenn ihre Anwesenheit auf den verbleibenden Flächen stärker auffällt.
Wer Kindheit aus dem öffentlichen Raum verdrängt, löst kein Lärmproblem. Er schafft ein Platzproblem.
Kinderfreundlichkeit zeigt sich nicht am Spielplatzschild
Eine Wohnanlage wird nicht kinderfreundlich, weil irgendwo eine Schaukel steht.
Eine Stadt wird nicht kinderfreundlich, weil sie einen großen Spielplatz baut.
Interessanter finde ich:
Darf ein Kind sich dort selbstständig bewegen?
Darf es etwas entdecken?
Darf es Spuren hinterlassen?
Darf es laut sein?
Darf es irgendwo sein, ohne dass Erwachsene diesen Ort ausdrücklich für Kinder vorgesehen haben?
Denn echte Kinderfreundlichkeit beginnt für mich dort, wo Kinder nicht ständig das Gefühl bekommen:
Hier störst du.
Das bedeutet nicht: Kinderlärm ist immer okay
Auch diesen Satz möchte ich ausdrücklich dazuschreiben.
„Kinder sind Kinder“ darf keine Universalentschuldigung für Eltern sein.
Wir tragen Verantwortung.
Wir begleiten.
Wir setzen Grenzen.
Wir achten auf andere Menschen.
Aber es gibt einen Unterschied zwischen:
vermeidbarem rücksichtslosen Verhalten
und
normalem kindlichem Leben.
Ein Kind, das um 23 Uhr im Stiegenhaus Fußball spielt, ist etwas anderes als ein Dreijähriger, der um 16 Uhr lachend durch einen Innenhof läuft.
Diese Unterscheidung sollten wir Erwachsenen aushalten können.
Vielleicht brauchen nicht die Kinder mehr Regeln
Vielleicht brauchen wir bessere Räume.
Weniger Autos zwischen Haustür und Spielort.
Mehr zugängliche Grünflächen.
Innenhöfe, die tatsächlich genutzt werden dürfen.
Wohnanlagen, die Familien nicht nur in der Verkaufsbroschüre zeigen.
Und vor allem eine Haltung, bei der Kinder nicht als Sondergruppe betrachtet werden, deren Anwesenheit möglichst gut organisiert werden muss.
Kinder wohnen hier.
Nicht nur ihre Eltern.
PapaKann-Fazit
Eine kinderfreundliche Gesellschaft erkennt man nicht daran, wie oft sie sagt:
„Kinder sind unsere Zukunft.“
Sondern daran, wie sie mit Kindern umgeht, die heute da sind.
Die lachen.
Weinen.
Rennen.
Ball spielen.
Und manchmal verdammt laut sind.
Natürlich brauchen Kinder Rücksichtnahme.
Aber vielleicht brauchen wir Erwachsenen auch wieder etwas mehr Toleranz gegenüber etwas, das sich nicht vollständig wegorganisieren lässt:
Kindheit.
Denn wenn Kinder nur dort willkommen sind, wo sie niemanden stören,
sind nicht die Kinder das Problem.
Dann sollten wir darüber reden, wie viel Platz wir ihnen eigentlich noch lassen.
Quellen & Weiterlesen
UNICEF Österreich – Recht auf Spiel: Für Kinder ist Spielen mehr als Spaß
Spielen ist nicht bloß Freizeitbeschäftigung, sondern wichtig für die motorische, kognitive, soziale und emotionale Entwicklung. UNICEF betont außerdem, dass Kinder Zeit und geeignete Räume zum Spielen brauchen. Das liefert eine gute fachliche Grundlage für unsere Forderung, Kindern im Alltag tatsächlich Raum zu geben.
UNICEF Österreich – Kinderrechte / UN-Kinderrechtskonvention
Artikel 31 der UN-Kinderrechtskonvention hält das Recht von Kindern auf Ruhe, Freizeit, Spiel und altersgemäße aktive Erholung fest. Kinder werden dabei nicht lediglich als Anhängsel ihrer Eltern verstanden, sondern als eigenständige Personen mit eigenen Rechten.
oesterreich.gv.at – Lärm und Nachbarschaftsrecht
Wichtig für die rechtliche Einordnung des Artikels: In Österreich gibt es keine pauschale gesetzliche „absolute Nachtruhe“ von 22 bis 6 Uhr. Ob Lärm ungebührlich bzw. zivilrechtlich unzulässig ist, hängt vom konkreten Einzelfall ab. Im Zivilrecht spielen unter anderem das ortsübliche Maß und eine wesentliche Beeinträchtigung der Nutzung eines Grundstücks eine Rolle. Damit sollten wir auch Kinderlärm nicht mit pauschalen Rechtsbehauptungen behandeln.
UNICEF Österreich – Kinderfreundliche Gemeinden und Regionen
Kinderfreundlichkeit geht über einen einzelnen Spielplatz hinaus. UNICEF nennt beispielsweise Spiel- und Freizeiteinrichtungen, sichere Schulwege und die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an kommunalen Entscheidungen als konkrete Handlungsfelder. Das passt sehr gut zu unserer Frage, wie öffentlicher Raum gestaltet sein muss, damit Kinder tatsächlich Teil davon sein können.
PapaKann ersetzt keine rechtliche, pädagogische oder sonstige fachliche Beratung. Unsere Beiträge verbinden persönliche Erfahrungen mit Fachliteratur, offiziellen Informationen und wissenschaftlichen Erkenntnissen und sollen zum Nachdenken und Weiterdiskutieren anregen.
