Papa mit verschränkten Armen – Kinderbetreuung ist Arbeit

Kinderbetreuung ist Arbeit. Liebe macht sie nicht zum Hobby.

Kinderbetreuung ist Arbeit, auch wenn dafür kein Gehalt überwiesen wird. Wickeln, trösten, kochen, organisieren, begleiten und ständig mitdenken: Care-Arbeit beansprucht Zeit, Energie und Verantwortung. Trotzdem wird Erwerbsarbeit häufig als „richtige“ Arbeit gesehen, während Eltern mit ihren Kindern vermeintlich nur „zu Hause“ sind. Warum diese Sichtweise besonders für Gleichberechtigung problematisch ist – und weshalb wir Papas dabei eine entscheidende Rolle spielen.

„Arbeitest du schon wieder?“

Ein Satz, den man zu einem Vater mit Laptop ziemlich selbstverständlich sagt.

Zu einem Vater, der seit sechs Uhr morgens drei Kinder betreut, eher selten.

Dabei habe ich an manchen Tagen das Gefühl, dass mein früherer Vollzeitjob das bessere Arbeitszeitmodell hatte.

Meetings? Hatten ein Ende.

Mittagspause? War zumindest theoretisch vorgesehen.

Klogang? Meistens ohne Publikum.

Und nach Feierabend war tatsächlich irgendwann Feierabend.

Mit Kindern ist das ein bisserl anders.

„Du arbeitest nicht. Du bist bei den Kindern.“

Genau darin steckt für mich eines unserer größten Probleme.

Wir haben uns angewöhnt, Erwerbsarbeit schlicht Arbeit zu nennen.

Und alles andere?

Kinder betreuen. Haushalt machen. Essen kochen. Wäsche waschen. Termine organisieren. Trösten. Wickeln. Anziehen. Vorlesen. Zuhören. Begleiten.

Das läuft unter:

„zu Hause sein“.

Ich war selbst viele Jahre Vollzeit berufstätig. Mit Verantwortung, Terminen, Projekten und entsprechend langen Arbeitstagen.

Heute weiß ich:

Kinderbetreuung ist nicht die Pause von der Arbeit. Kinderbetreuung ist Arbeit.

Nur halt meistens unbezahlt.

Die Zahlen dahinter sind ziemlich eindeutig

Die Zeitverwendungserhebung 2021/22 der Statistik Austria zeigt, wie viel unbezahlte Arbeit in Österreich tatsächlich geleistet wird.

Frauen und Mädchen verbringen durchschnittlich 3 Stunden und 58 Minuten pro Tag mit unbezahlter Arbeit.

Männer und Buben kommen auf 2 Stunden und 26 Minuten.

Zur unbezahlten Arbeit zählen unter anderem Hausarbeit, Kinderbetreuung, Unterstützung anderer Haushaltsmitglieder und freiwillige Tätigkeiten.

Noch deutlicher wird der Unterschied, wenn Kinder im Haushalt leben.

In Haushalten mit Kindern unter 18 Jahren wenden Frauen durchschnittlich 1 Stunde und 58 Minuten täglich für Kinderbetreuung als Hauptaktivität auf.

Männer: 53 Minuten.

Wird Kinderbetreuung als Nebenaktivität mitgerechnet, sind es bei Frauen 2 Stunden und 38 Minuten und bei Männern 1 Stunde und 7 Minuten.

Und dann gibt es noch jene Zeit, die Eltern sehr gut kennen:

Man kocht.

Räumt auf.

Isst.

Telefoniert.

Erledigt irgendetwas.

Und gleichzeitig ist ein Kind da.

Statistik Austria hat auch diese Anwesenheitszeiten betrachtet.

Dann kommen Frauen in Haushalten mit Kindern unter 18 Jahren durchschnittlich auf 7 Stunden und 20 Minuten täglich, in denen Kinder anwesend sind oder Betreuung als Haupt- oder Nebenaktivität stattfindet.

Männer auf 4 Stunden und 25 Minuten.

Kinderbetreuung ist also nicht das, was zwischen zwei anderen Tätigkeiten passiert.

Sie ist ein beträchtlicher Teil des Tages.

Das Schwierige daran ist nicht nur die Zeit

Denn eine Stunde Kinderbetreuung ist nicht automatisch eine Stunde Lego spielen.

Sie kann heißen:

Ein Kind will angezogen werden.

Das zweite will auf keinen Fall angezogen werden.

Das Baby möchte getragen werden.

Währenddessen kocht das Essen über.

Jemand muss aufs Klo.

Der andere war schon am Klo, braucht aber Hilfe.

Dann klingelt der Paketdienst.

Und exakt in diesem Moment beschließt irgendein Kind, dass seine Socke emotional nicht mehr tragbar ist.

Das ist lustig.

Manchmal.

Es ist aber auch Verantwortung.

Kinderbetreuung bedeutet, permanent Entscheidungen zu treffen, Bedürfnisse wahrzunehmen, Konflikte zu begleiten, Gefahren einzuschätzen und den Familienalltag irgendwie am Laufen zu halten.

Dazu kommt die Arbeit, die man überhaupt nicht sieht.

Wer braucht neue Schuhe?

Wann ist der nächste Arzttermin?

Was essen wir morgen?

Ist noch Zahnpasta da?

Wo ist eigentlich dieses verdammte Kuscheltier?

Und wer denkt daran, dass am Donnerstag irgendetwas in den Kindergarten mitgebracht werden soll?

Diese Denkarbeit wird häufig als Mental Load bezeichnet.

Sie taucht auf keinem Stundenzettel auf.

Trotzdem muss sie jemand erledigen.

Wie intensiv diese Verantwortung werden kann, habe ich spätestens gemerkt, als ich zum ersten Mal mit allen drei Kindern allein war.

Liebe macht daraus keine Freizeit

Natürlich betreue ich meine Kinder nicht, weil ich dafür bezahlt werden möchte.

Ich liebe meine Kinder.

Ich verbringe gerne Zeit mit ihnen.

Aber das eine schließt das andere nicht aus.

Ich kann meine Kinder lieben und Betreuung trotzdem anstrengend finden.

Ich kann gerne Papa sein und trotzdem eine Pause brauchen.

Ich kann freiwillig viel Zeit mit meinen Kindern verbringen und trotzdem sagen:

Das hier ist Arbeit.

Vielleicht liegt genau darin ein Denkfehler unserer Gesellschaft.

Wir setzen Arbeit viel zu oft mit Erwerbsarbeit gleich.

Sobald etwas aus Liebe geschieht, soll es plötzlich keine Belastung mehr darstellen.

Dabei würde niemand behaupten, eine Pflegekraft arbeite nicht, weil sie ihren Beruf gerne macht.

Und hier wird Kinderbetreuung zur Frage der Gleichberechtigung

Denn unbezahlte Arbeit ist nicht gleich verteilt.

Frauen übernehmen in Österreich weiterhin deutlich mehr Sorgearbeit in Haushalt und Familie als Männer.

Das hat Folgen.

Wer mehr Kinderbetreuung und Hausarbeit übernimmt, hat weniger Zeit für Erwerbsarbeit.

Weniger Zeit für Karriere.

Weniger Einkommen.

Und langfristig häufig auch weniger Pension.

Das ist deshalb keine private Kleinigkeit zwischen zwei Menschen.

Die Aufteilung zuhause beeinflusst wirtschaftliche Möglichkeiten über Jahrzehnte.

Und genau deshalb reicht es aus meiner Sicht auch nicht, wenn wir Papas sagen:

„Hilf deiner Partnerin mehr.“

Ich helfe meiner Frau nicht bei meinen eigenen Kindern.

Ich helfe ihr auch nicht in unserem gemeinsamen Haushalt.

Ich bin dafür genauso verantwortlich.

Das ist ein kleiner sprachlicher Unterschied.

Aber ein ziemlich großer Unterschied in der Haltung.

Gleichberechtigung heißt nicht zwingend 50:50

Das ist mir wichtig.

Eine Familie muss nicht jede Windel zählen.

Nicht jede Nacht gegeneinander aufrechnen.

Und nicht nach jedem Geschirrspüler eine Excel-Tabelle aktualisieren.

Gleichberechtigung kann in unterschiedlichen Lebensphasen völlig unterschiedlich aussehen.

Nach einer Geburt kann eine Mutter beispielsweise Dinge übernehmen, die ein Vater biologisch schlicht nicht übernehmen kann.

In einer anderen Phase arbeitet vielleicht ein Elternteil mehr.

Einer ist krank.

Einer braucht gerade mehr Entlastung.

Fair bedeutet für mich deshalb nicht:

Jeden Tag exakt 50:50.

Fair bedeutet:

Wir sehen die gesamte Arbeit.

Wir sprechen darüber.

Und wir tragen gemeinsam Verantwortung dafür.

Papas müssen dafür auch Raum bekommen

An diesem Punkt wäre es zu einfach, ausschließlich auf einzelne Männer zu zeigen.

Wer möchte, dass Väter mehr Care-Arbeit übernehmen, muss ihnen auch ermöglichen, diese Verantwortung tatsächlich zu übernehmen.

Wenn ein Vater im Unternehmen weiterhin schief angeschaut wird, weil er länger in Karenz gehen möchte, haben wir ein Problem.

Wenn Führung automatisch mit permanenter Verfügbarkeit verbunden wird, haben wir ein Problem.

Wenn Teilzeit für Mütter normal und für Väter ein Karriereproblem ist, haben wir ein Problem.

Und wenn ein Mann gefeiert wird, weil er mit seinen eigenen Kindern allein auf den Spielplatz geht, während wir das bei einer Mutter nicht einmal erwähnenswert finden, haben wir ebenfalls noch ein bisserl Arbeit vor uns.

Moderne Vaterschaft bedeutet für mich deshalb nicht, dass Männer Frauen gelegentlich entlasten.

Sie bedeutet:

Väter übernehmen Verantwortung.

Auch dann, wenn niemand dafür applaudiert.

Vielleicht müssen wir Arbeit einfach neu definieren

Seit ich selbst intensiv Care-Arbeit übernehme, denke ich anders über Arbeit.

Nicht weniger wertschätzend über Erwerbsarbeit.

Aber wesentlich wertschätzender über jene Arbeit, die zuhause passiert.

Ein Kind durch einen Wutanfall begleiten ist Arbeit.

Drei Kinder morgens fertig machen ist Arbeit.

Kochen ist Arbeit.

Wäsche ist Arbeit.

Eine Nacht mit einem Baby verbringen ist Arbeit.

Den Überblick über eine Familie zu behalten ist Arbeit.

Und gleichzeitig können all diese Dinge wunderschön sein.

Das widerspricht sich nicht.

Kinderbetreuung ist Arbeit.

Vielleicht sogar eine der wichtigsten, die wir als Gesellschaft haben.

Sie steht nur auf keiner Gehaltsabrechnung.

Und Care-Arbeit besteht eben nicht nur aus Wickeln, Kochen und Organisieren. Auch wirklich mit Kindern zu spielen kann bedeuten, ihnen Zeit und ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken.


Quellen & Weiterlesen

Dieser Artikel verbindet persönliche Erfahrungen aus unserem Familienalltag mit Daten und Erkenntnissen zur unbezahlten Sorgearbeit. Familien leben unterschiedlich und auch eine faire Aufgabenverteilung muss nicht in jeder Familie gleich aussehen.

Statistik Austria – Zeitverwendungserhebung 2021/22
Die bislang aktuelle österreichische Zeitverwendungserhebung zeigt, wie Frauen und Männer ihre Zeit unter anderem zwischen Erwerbsarbeit, Hausarbeit und Kinderbetreuung aufteilen. Besonders interessant sind die detaillierten Daten zur Kinderbetreuung in Haushalten mit Kindern unter 18 Jahren.

Statistik Austria – Zeitverwendung: Unbezahlte Arbeit
Die Daten zeigen unter anderem, dass Frauen und Mädchen durchschnittlich 3 Stunden und 58 Minuten pro Tag unbezahlte Arbeit leisten, Männer und Buben 2 Stunden und 26 Minuten.

Arbeiterkammer – Bezahlte und unbezahlte Arbeit
Die Arbeiterkammer ordnet die österreichischen Daten hinsichtlich Gleichstellung, Teilzeitarbeit und wirtschaftlicher Folgen ungleich verteilter Care-Arbeit ein.

PapaKann ist kein pädagogischer oder psychologischer Fachratgeber. Die Beiträge verbinden persönliche Erfahrungen mit ausgewählten wissenschaftlichen und fachlichen Quellen und sollen zum Nachdenken, Diskutieren und zum eigenen Weiterinformieren anregen.

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