Mit Kindern spielen: Warum Papa nicht immer mitspielen muss
„Papa, spielst du mit mir?“
Manchmal sage ich:
Ja, später.
Obwohl ich viel Zeit mit meinen Kindern verbringe.
Obwohl mir gemeinsame Zeit wichtiger ist als fast alles andere.
Und obwohl PapaKann ausgerechnet für präsente Vaterschaft steht.
Denn präsent sein bedeutet für mich nicht:
24 Stunden Kinderanimateur sein.
Oder 24 Stunden mit Kindern spielen.
Ich spiele mit meinen Kindern.
Wir bauen.
Wir lesen.
Wir blödeln.
Ich bin Kunde im Kaufmannsladen, Patient beim Kinderarzt und vermutlich der schlechteste Mitbewohner sämtlicher Duplo-Figuren.
Aber manchmal sitze ich daneben.
Manchmal mache ich etwas anderes.
Und manchmal sage ich tatsächlich:
„Nein, ich möchte gerade nicht spielen.“
Das musste vor allem einer lernen:
Ich.
Irgendwann wurde Spielen zur Elternaufgabe
Wenn ich an meine eigene Kindheit denke, erinnere ich mich an viel Spielen.
Aber erstaunlich selten daran, dass permanent ein Erwachsener daneben saß und mein pädagogisch wertvoller Spielpartner war.
Wir haben gespielt.
Mit anderen Kindern.
Mit Dingen.
Draußen.
Drinnen.
Und ziemlich oft mit irgendeinem Zeug, das ursprünglich überhaupt kein Spielzeug war.
Heute habe ich manchmal das Gefühl, wir Eltern müssten nicht nur dafür sorgen, dass unsere Kinder sicher, satt und einigermaßen bekleidet durch den Tag kommen.
Wir sind zusätzlich:
Animateure.
Ideengeber.
Bastelpädagogen.
Vorleser.
Fußballgegner.
Duplo-Baumeister.
Und natürlich rund um die Uhr emotional verfügbar.
Ganz schön viel Personal für einen einzelnen Papa.
Präsenz ist nicht Animation
Das ist für mich inzwischen einer der wichtigsten Unterschiede.
Ich kann bei meinen Kindern sein, ohne mit ihnen zu spielen.
Ich kann am Tisch sitzen, während sie neben mir bauen.
Ich kann Wäsche zusammenlegen, während im Wohnzimmer eine Tierarztpraxis eröffnet wird.
Ich kann kochen und gleichzeitig erfahren, dass gerade dringend ein Vulkan ausbrechen muss.
Ich bin da.
Ich bin ansprechbar.
Aber ich bin nicht automatisch Teil des Spiels.
Präsenz bedeutet für mich Verfügbarkeit. Nicht Dauerbespaßung.
Und ehrlich gesagt glaube ich, dass dieser Unterschied nicht nur mir guttut.
„Mir ist langweilig.“
Dieser Satz hatte früher bei mir fast reflexartig eine Reaktion ausgelöst:
Was könnten wir machen?
Malen?
Rausgehen?
Ein Spiel?
Bauen?
Buch anschauen?
Irgendetwas musste passieren.
Denn offenbar hatte mein Kind gerade ein Problem.
Langeweile.
Heute versuche ich öfter, dieses Problem einfach einmal stehen zu lassen.
„Dir ist langweilig.“
Punkt.
Keine zwölf Lösungsvorschläge hinterher.
Das fühlt sich erstaunlich schwer an.
Denn Langeweile macht nicht nur Kinder unruhig.
Sie macht Eltern nervös.
Meine Kinder dürfen sich langweilen
Langeweile ist nicht automatisch ein Zustand, den ich beseitigen muss.
Manchmal passiert nämlich etwas Interessantes, wenn ich nicht sofort einspringe.
Zuerst:
„Mir ist faaaaad.“
Dann:
nichts.
Dann wird herumgestanden.
Irgendwo eine Kiste geöffnet.
Etwas herausgenommen.
Der Bruder entdeckt es.
Fünf Minuten später fahren zwei Holztiere mit einem Trettraktor zum Mond.
Keine Ahnung warum.
Aber offenbar war meine Intervention nicht notwendig.
Meine Kinder dürfen sich langweilen. Ich muss das nicht sofort reparieren.
Selbstständiges Spiel braucht auch Raum
Kinder können nicht selbstständig spielen, wenn Erwachsene das Spiel ständig übernehmen.
Das klingt banal.
Ist im Alltag aber gar nicht so einfach.
Wir Erwachsenen sind nämlich hervorragend darin, Dinge besser zu können.
Der Turm wird stabiler, wenn Papa hilft.
Die Eisenbahnstrecke logischer.
Das Puzzle schneller fertig.
Und der Lego-Bau zumindest statisch genehmigungsfähig.
Nur:
Darum geht es nicht.
Wenn mein Kind baut, muss das Ergebnis nicht meiner Vorstellung entsprechen.
Wenn es spielt, muss ich die Geschichte nicht verbessern.
Wenn es scheitert, muss ich nicht sofort übernehmen.
→ Montessori zuhause ohne Montessori-Spielzeug
Manchmal ist meine wichtigste Aufgabe beim Spielen deshalb:
nichts zu tun.
Aber Kinder wollen doch mit ihren Eltern spielen
Natürlich.
Und ich möchte auch mit ihnen spielen.
Das hier ist kein Plädoyer dafür, Kinder den ganzen Tag sich selbst zu überlassen, während Papa mit dem Handy auf der Couch liegt.
Gemeinsames Spiel kann Verbindung schaffen.
Kinder laden uns in ihre Welt ein.
Sie zeigen uns, was sie beschäftigt.
Sie lachen mit uns.
Sie suchen Nähe.
Und manchmal bedeutet:
„Papa, spielst du mit mir?“
eigentlich:
„Papa, ich möchte gerade Zeit mit dir.“
Das möchte ich nicht überhören.
Der entscheidende Punkt ist für mich deshalb nicht:
Mitspielen oder nicht mitspielen?
Sondern:
Warum braucht mein Kind mich gerade?
Manchmal spiele ich deshalb doch mit
Wenn mein Kind den ganzen Vormittag selbstständig beschäftigt war und plötzlich zu mir kommt:
„Papa, kommst du?“
Dann ist die Antwort ziemlich oft:
Ja.
Nicht, weil ich als Vater verpflichtet bin, jetzt 45 Minuten Feuerwehrmann zu spielen.
Sondern weil ich merke:
Da geht es gerade um uns.
Das ist für mich bedürfnisorientiertes Familienleben.
Nicht jede Bitte erfüllen.
Sondern versuchen zu verstehen, welches Bedürfnis dahintersteckt.
→ Bedürfnisorientierte Erziehung – Dein Kind darf nicht alles. Aber alles fühlen.
Und manchmal habe ich einfach keine Lust
Das darf übrigens auch vorkommen.
Es gibt Spiele, die finde ich großartig.
Bauen?
Dabei.
Bücher?
Sofort.
Draußen herumrennen?
Meistens.
Zum 37. Mal dieselbe Fantasiehandlung mit exakt vorgeschriebenem Dialog nachspielen?
Meine Begeisterung kennt Grenzen.
Früher hatte ich dabei manchmal ein schlechtes Gewissen.
Ein guter Papa spielt doch.
Heute denke ich:
Auch Papas dürfen keine Lust haben.
Meine Kinder müssen nicht lernen, dass Erwachsene jederzeit verfügbar sind, sobald sie Unterhaltung möchten.
Auch ich habe Bedürfnisse.
Ich möchte meinen Kaffee austrinken.
Ich möchte etwas fertig machen.
Ich möchte fünf Minuten sitzen.
Manchmal möchte ich schlicht nicht mitspielen.
Das ist keine Zurückweisung meines Kindes.
Es ist eine Grenze.
Und Grenzen dürfen auch Eltern haben.
Nein sagen und trotzdem verbunden bleiben
Entscheidend ist für mich, wie dieses Nein aussieht.
Nicht:
„Lass mich in Ruhe.“
Sondern vielleicht:
„Ich spiele gerade nicht mit. Du kannst aber neben mir bauen.“
Oder:
„Ich mache das noch fertig. Danach lese ich dir ein Buch vor.“
Oder einfach:
„Heute möchte ich das nicht spielen.“
Kinder dürfen darüber enttäuscht sein.
Sie dürfen protestieren.
Sie dürfen mein Nein blöd finden.
→ Mein Kind sagt ständig Nein. Gut so.
Wenn ich möchte, dass das Nein meiner Kinder grundsätzlich ernst genommen wird, sollte es nicht völlig absurd sein, dass auch Papa eines hat.
Gemeinsam sein, ohne gemeinsam zu spielen
Vielleicht unterschätzen wir ohnehin, wie wertvoll genau das ist.
Jeder macht etwas anderes.
Aber wir sind zusammen.
Das Kind malt.
Papa kocht.
Ein anderes Kind baut.
Das Baby liegt dabei.
Jemand erzählt etwas.
Jemand singt.
Jemand verschüttet etwas.
Okay.
Meistens verschüttet jemand etwas.
Familie muss nicht permanent aus gemeinsamen Aktivitäten bestehen.
Gemeinsamer Alltag ist auch gemeinsame Zeit.
Ich muss keinen Programmpunkt daraus machen.
Kinder wollen oft mitmachen statt bespaßt werden
Und manchmal gibt es noch eine dritte Möglichkeit.
Nicht:
Papa spielt mit dem Kind.
Nicht:
Das Kind spielt alleine.
Sondern:
Das Kind macht bei Papa mit.
Wäsche.
Kochen.
Tisch decken.
Einkaufen.
Aufräumen.
Etwas reparieren.
Kinder müssen nicht permanent aus unserem Alltag herausgenommen und anschließend künstlich beschäftigt werden.
Sie können Teil davon sein.
Natürlich dauert dann manches länger.
Deutlich länger.
Manchmal so lange, dass man kurz überlegt, ob das Kind nicht doch fernsehen könnte.
Aber genau darin steckt etwas, das gut zu unserem Familienleben passt:
Kinder wollen nicht nur beschäftigt werden. Sie wollen dazugehören.
Drei Kinder helfen bei dieser Erkenntnis ungemein
Beim ersten Kind kann man noch relativ überzeugend glauben, man müsse jede freie Minute pädagogisch wertvoll gestalten.
Beim dritten wird das logistisch schwierig.
Zum Glück.
Denn drei Kinder haben mir etwas beigebracht:
Nicht jede Sekunde meiner Aufmerksamkeit muss gerecht verteilt werden.
Nicht jedes „Papa!“ verlangt sofortige Reaktion.
Und nicht jedes Kind braucht mich gleichzeitig.
→ Drei Kinder – Was beim dritten plötzlich völlig egal wird
Manchmal braucht mich eines.
Manchmal alle.
Und manchmal:
keines.
Das sind übrigens sehr schöne sieben Minuten.
Selbstständiges Spiel ist kein Leistungstest
Dabei möchte ich aber auch nicht ins andere Extrem kippen.
Ein Kind, das lange alleine spielt, ist nicht automatisch „weiter“.
Und ein Kind, das häufig einen Erwachsenen sucht, ist nicht unselbstständig.
Kinder sind unterschiedlich.
Alter, Temperament, Situation, Müdigkeit, Entwicklungsphase und schlicht der jeweilige Tag spielen eine Rolle.
Deshalb möchte ich aus selbstständigem Spiel auch kein neues Elternprojekt machen.
Nicht:
„Mein Dreijähriger spielt schon 48 Minuten alleine.“
Herzlichen Glückwunsch.
Meiner hat heute zehn Minuten lang einen Stein in einen Schuh gesteckt.
Kinderentwicklung ist kein LinkedIn-Profil.
PapaKann-Fazit
Ich spiele gerne mit meinen Kindern.
Aber nicht immer.
Und ich habe aufgehört, darin einen Widerspruch zu präsenter Vaterschaft zu sehen.
Meine Kinder dürfen meine Aufmerksamkeit bekommen.
Meine Zeit.
Meine Nähe.
Meine Begeisterung.
Und manchmal auch mein:
„Nein, gerade nicht.“
Sie dürfen sich langweilen.
Sie dürfen selbst Ideen entwickeln.
Sie dürfen spielen, ohne dass Papa das Spiel verbessert.
Und sie dürfen Teil meines Alltags sein, statt von mir permanent ein Kinderprogramm präsentiert zu bekommen.
Denn ich möchte für meine Kinder da sein.
Aber ich möchte nicht ihr Freizeitprogramm sein.
Vielleicht gehört zu präsenter Vaterschaft deshalb auch, manchmal neben seinem Kind zu sitzen und zu sagen:
„Ich spiele gerade nicht mit. Aber ich bin da.“
Quellen & Weiterlesen
Simone Davies & Junnifa Uzodike – Montessori für die ganze Familie
Ein besonders passender Begleiter für diesen Artikel. Davies und Uzodike zeigen, wie Kinder nicht ständig beschäftigt werden müssen, sondern selbstverständlich am Familienalltag teilnehmen können. Im Mittelpunkt stehen Selbstständigkeit, eine vorbereitete Umgebung und die Haltung der Erwachsenen: beobachten, ermöglichen und nicht vorschnell übernehmen.
Maria Montessori – Das kreative Kind
Montessori beschreibt die starke Eigenaktivität des Kindes und die Bedeutung einer Umgebung, in der es selbst tätig werden kann. Für unseren Artikel ist vor allem der Gedanke relevant, dass Erwachsene nicht jede Tätigkeit eines Kindes steuern oder übernehmen müssen.
Maria Montessori – Kinder sind anders
Montessori stellt die selbstständige Tätigkeit des Kindes und eine zurückhaltendere Rolle des Erwachsenen in den Mittelpunkt. Das Buch liefert damit einen wichtigen Hintergrund für unseren Gedanken: Präsenz bedeutet nicht permanente Animation.
American Academy of Pediatrics – The Power of Play
Die AAP beschreibt Spiel als wichtigen Bestandteil kindlicher Entwicklung. Besonders interessant für PapaKann: Spiel muss nicht vollständig von Erwachsenen organisiert werden. Die Fachgesellschaft betont unter anderem kindgeleitetes Spiel und die Bedeutung von Spielräumen für soziale, emotionale und kognitive Entwicklung.
Yogman et al. (2018) – The Power of Play: A Pediatric Role in Enhancing Development in Young Children
Der wissenschaftliche Fachartikel hinter der AAP-Empfehlung ordnet unterschiedliche Formen des Spiels ein und beschreibt unter anderem, wie freies beziehungsweise kindgeleitetes Spiel Entwicklung und Selbstregulation unterstützen kann. Wichtig für unsere Formulierung: Daraus folgt nicht, dass Eltern möglichst wenig mit ihren Kindern spielen sollten – sondern dass nicht jedes Spiel von Erwachsenen initiiert und gesteuert werden muss.
Einordnung von PapaKann
Dieser Artikel ist kein Plädoyer dafür, Kinder möglichst viel alleine spielen zu lassen. Kinder unterscheiden sich darin, wie viel Begleitung und gemeinsame Interaktion sie brauchen. Gemeinsames Spiel und responsive Beziehungen sind wichtig – gleichzeitig muss kindliches Spiel nicht permanent von Erwachsenen organisiert oder gesteuert werden. Für uns bedeutet Präsenz deshalb nicht Dauerbespaßung: Wir sind da, ohne immer mitspielen zu müssen.
