Kinder müssen nicht gehorchen. Aber sie brauchen Führung.
„Weil ich es sage.“
Vier Wörter.
Damit war früher erstaunlich viel Erziehung erklärt.
Müssen Kinder gehorchen? Für viele Generationen war die Antwort darauf ziemlich eindeutig: Erwachsene bestimmen, Kinder folgen. Ich möchte, dass meine Kinder auf mich hören. Aber ich möchte nicht, dass sie lernen, Erwachsenen grundsätzlich zu gehorchen.
Papa sagt es.
Mama sagt es.
Der Erwachsene sagt es.
Also macht das Kind es.
Und wenn nicht?
Dann war es ungezogen, frech oder schlecht erzogen.
Ich möchte, dass meine Kinder auf mich hören.
Sehr sogar.
Spätestens wenn eines von ihnen Richtung Straße läuft, habe ich ausgesprochen wenig Interesse an einer Grundsatzdiskussion über selbstbestimmte Kindheit.
Aber:
Ich möchte nicht, dass meine Kinder lernen, Erwachsenen grundsätzlich zu gehorchen.
Das ist ein Unterschied.
Gehorsam und Kooperation sind nicht dasselbe
Ein Kind kann etwas tun, weil es Angst vor der Konsequenz hat.
Weil Papa sonst schimpft.
Weil ihm etwas weggenommen wird.
Weil es gelernt hat, dass Erwachsene am Ende sowieso gewinnen.
Oder ein Kind kann mitmachen, weil es sich grundsätzlich sicher fühlt, Orientierung bekommt und versteht:
Papa übernimmt gerade Verantwortung.
Von außen kann beides exakt gleich aussehen.
Das Kind zieht seine Schuhe an.
Entscheidend ist, was zwischen uns passiert.
Ich will nicht der beste Freund meiner Kinder sein
Bedürfnisorientierte Elternschaft wird manchmal so verstanden:
Bloß kein Konflikt.
Bloß kein weinendes Kind.
Alles erklären.
Alles verhandeln.
Und möglichst immer einen Konsens finden.
Mit drei kleinen Kindern wäre das nicht nur anstrengend.
Wir würden vermutlich bis heute beim Frühstück sitzen.
Kinder brauchen Erwachsene.
Und Erwachsene haben eine andere Verantwortung als Kinder.
Ich entscheide beispielsweise, dass wir uns im Auto anschnallen.
Dass Zähne geputzt werden.
Dass ich nicht zulasse, dass ein Kind ein anderes schlägt.
Und manchmal auch schlicht:
Dass wir jetzt den Spielplatz verlassen.
Mein Kind darf das richtig beschissen finden.
Die Verantwortung bleibt trotzdem bei mir.
Führung heißt nicht Herrschaft
Genau hier liegt für mich der entscheidende Unterschied.
Führung bedeutet nicht:
Ich bin größer, deshalb bestimme ich.
Sondern:
Ich bin der Erwachsene, deshalb übernehme ich Verantwortung.
Ich muss Gefahren einschätzen.
Ich muss Entscheidungen treffen, deren Folgen mein Kind noch nicht überblicken kann.
Ich muss Grenzen setzen.
Und ich muss im besten Fall auch noch die Wut aushalten, die diese Grenze auslöst.
Das ist deutlich anstrengender als:
„Weil ich es sage.“
Eine Grenze braucht keine Drohung
Nehmen wir den Spielplatz.
Mein Kind möchte bleiben.
Wir müssen gehen.
Ich könnte sagen:
„Wenn du jetzt nicht kommst, gibt es zuhause keinen Tonie.“
Das erzeugt möglicherweise Bewegung.
Mit dem Verlassen des Spielplatzes hat der Tonie allerdings herzlich wenig zu tun.
Ich kann stattdessen sagen:
„Du möchtest noch bleiben. Wir gehen jetzt trotzdem.“
Vielleicht läuft mein Kind mit.
Vielleicht auch nicht.
Dann muss ich handeln.
Hand nehmen.
Tragen.
Begleiten.
Wut aushalten.
Nicht besonders elegant.
Aber die Grenze bleibt dort, wo sie hingehört:
bei mir.
Kinder dürfen wütend auf unsere Entscheidungen sein
Das war für mich selbst eine wichtige Erkenntnis.
Eine gute Grenze erkennt man nicht daran, dass das Kind danach glücklich ist.
Manchmal setzen wir eine notwendige Grenze – und unser Kind findet sie furchtbar.
Dann weint es.
Schreit.
Ist wütend auf uns.
Das bedeutet nicht automatisch, dass die Grenze falsch war.
Unsere Aufgabe ist nicht, jedes unangenehme Gefühl unserer Kinder zu verhindern.
Unsere Aufgabe ist, sie damit nicht alleine zu lassen.
Aber Kinder brauchen doch Grenzen!
Ja.
Nur werden unter diesem Satz völlig unterschiedliche Dinge verstanden.
Eine Grenze kann heißen:
„Ich lasse nicht zu, dass du mich schlägst.“
Oder:
„Bei uns sitzt man ordentlich am Tisch.“
Oder:
„Ein Kind widerspricht Erwachsenen nicht.“
Das sind nicht dieselben Dinge.
Deshalb finde ich die Diskussion „Brauchen Kinder Grenzen?“ fast zu einfach.
Natürlich brauchen sie Orientierung und Schutz.
Die interessantere Frage lautet:
Wessen Grenze ist das eigentlich – und warum gibt es sie?
Schützt sie jemanden?
Ermöglicht sie Zusammenleben?
Oder erwarten wir gerade Gehorsam, weil Kinder sich unserer Vorstellung entsprechend verhalten sollen?
Diese Frage erwischt auch mich regelmäßig.
Ich möchte, dass meine Kinder mir widersprechen
Nicht permanent.
Falls meine Kinder das irgendwann lesen:
Nicht permanent.
Aber grundsätzlich schon.
Denn ein Kind, das lernt:
„Meine Meinung zählt.“
„Mein Nein wird gehört.“
„Ich darf sagen, wenn mir etwas unangenehm ist.“
… lernt etwas, das weit über unsere Familie hinausgeht.
Ich möchte später keine Jugendlichen, die jeder Autorität folgen, nur weil sie Autorität ist.
Ich möchte Menschen, die unterscheiden können:
Wann vertraue ich jemandem – und wann widerspreche ich?
Das beginnt nicht mit 16.
Das üben sie schon heute.
Auch mit mir.
Beziehung macht Führung nicht überflüssig
Im Gegenteil.
Je weniger ich über Angst, Strafen und Macht führen möchte, desto wichtiger wird Beziehung.
Mein Kind muss nicht glauben:
Papa gewinnt sowieso.
Es darf erleben:
Papa meint es ernst. Papa bleibt da.
Auch wenn ich schreie.
Auch wenn ich widerspreche.
Auch wenn wir gerade unterschiedliche Dinge wollen.
Das ist für mich Führung.
Nicht immer ruhig.
Nicht immer pädagogisch wertvoll formuliert.
Aber möglichst verlässlich.
Und ja: Manchmal sage ich trotzdem „Weil ich es sage“
Ich habe drei Kinder.
Natürlich passiert das.
Manchmal fehlt die Zeit.
Manchmal fehlt die Geduld.
Manchmal fehlt mir schlicht eine bessere Formulierung.
PapaKann heißt nicht:
Papa macht alles richtig.
Entscheidend finde ich eher, welche Haltung dahintersteht.
Möchte ich, dass mein Kind gehorcht?
Oder möchte ich Verantwortung übernehmen und gleichzeitig einen Menschen begleiten, der immer selbstständiger wird?
Das sind für mich zwei ziemlich unterschiedliche Vorstellungen von Erziehung.
PapaKann-Fazit
Ich möchte keine Kinder erziehen, die besonders gut gehorchen.
Ich möchte Kinder begleiten, die kooperieren können, Grenzen respektieren und gleichzeitig ihre eigenen Grenzen kennen.
Dafür brauchen sie Freiheit.
Aber eben nicht nur.
Kinder brauchen keine Erwachsenen, die alles bestimmen.
Und keine Erwachsenen, die sie alles bestimmen lassen.
Sie brauchen Erwachsene, die führen können, ohne ihre Macht ständig beweisen zu müssen.
Und manchmal bedeutet das:
Ein schreiendes Kind vom Spielplatz tragen.
Nicht besonders Instagram-tauglich.
Aber möglicherweise ziemlich gute Führung.
Quellen & Weiterlesen
Nora Imlau – Meine Grenze ist dein Halt. Kindern liebevoll Stopp sagen
Für diesen Artikel besonders passend: Imlau unterscheidet zwischen autoritärem Grenzensetzen und dem Wahrnehmen, Kommunizieren und Wahren eigener Grenzen. Kinder dürfen über eine Grenze frustriert oder wütend sein, während Erwachsene gleichzeitig Verantwortung übernehmen und bei ihrer Grenze bleiben.
Remo H. Largo – Kinderjahre
Largos entwicklungsorientierter Blick hilft dabei, Verhalten nicht vorschnell als Ungehorsam zu interpretieren. Seine Arbeiten betonen die große individuelle Vielfalt kindlicher Entwicklung und die Bedeutung von Erwartungen, die zu Entwicklungsstand und Fähigkeiten eines Kindes passen.
Nicola Schmidt – artgerecht – Das andere Kleinkinderbuch
Eine praxisnahe Ergänzung für die ersten Kinderjahre. Schmidt beschäftigt sich unter anderem mit Autonomie, Kooperation, starken Gefühlen und der Frage, wie Eltern Orientierung geben können, ohne Beziehung und Bedürfnisse aus dem Blick zu verlieren.
Nicola Schmidt – Erziehen ohne Schimpfen
Besonders passend zu unserem Gedanken, dass elterliche Führung nicht auf Drohungen, Beschämung oder Machtkämpfen beruhen muss. Das Buch bietet konkrete Alternativen für konfliktreiche Situationen im Familienalltag.
American Academy of Pediatrics – Effective Discipline to Raise Healthy Children
Die AAP empfiehlt alters- und entwicklungsangemessene Formen von Disziplin, die Kindern Verhalten vermitteln und sie schützen. Dazu gehören unter anderem klare Grenzen, Umlenken und positive Verstärkung. Körperliche Strafen sowie Drohen, Beschämen und Demütigen werden ausdrücklich nicht empfohlen; die AAP verweist dabei auch auf mögliche negative Folgen solcher Erziehungspraktiken.
PapaKann ersetzt keine pädagogische, psychologische oder medizinische Beratung. Unsere Beiträge verbinden persönliche Erfahrungen mit Fachliteratur und wissenschaftlichen Erkenntnissen und sollen zum Nachdenken, Ausprobieren und Weiterlernen anregen.
