Papa und Kleinkind schauen während einer Zugreise gemeinsam aus dem Fenster aufs Meer

Mit Kindern kannst du nicht mehr reisen wie früher. Gut so.

Urlaub mit kleinen Kindern ist kein Urlaub.

Den Satz hört man ziemlich oft.

Und ja: Wer unter Urlaub versteht, bis 10 Uhr zu schlafen, danach gemütlich zu frühstücken und spontan zu überlegen, was der Tag bringen könnte, wird mit kleinen Kindern möglicherweise enttäuscht.

Unsere Kinder haben nämlich noch nie beim Frühstück gesagt:

„Papa, bleib ruhig sitzen. Ich geh inzwischen aufs Zimmer und beschäftige mich selbst.“

Komisch eigentlich.

Aber vielleicht liegt das Problem gar nicht daran, dass Urlaub mit Kindern kein Urlaub mehr ist.

Vielleicht versuchen wir nur viel zu lange, mit Kindern so zu reisen wie ohne Kinder.

Wir reisen als Familie anders. Langsamer. Mit weniger Programm. Mit überraschend vielen Spielplatzstopps. Und manchmal ist der Supermarkt im Urlaub spannender als die Sehenswürdigkeit, wegen der wir eigentlich gekommen sind.

Das musste ich erst lernen.

Und manches davon widerspricht ziemlich deutlich dem, was die Tourismusbranche Familien gerne als perfekten Familienurlaub verkauft.

Dabei komme ich selbst aus genau dieser Branche.

1. Hör auf, deinen alten Urlaub nachzubauen.

Der vielleicht wichtigste Punkt zuerst.

Kinder sind keine zusätzlichen Passagiere auf einer Reise, die wir Erwachsenen geplant haben. Sie verändern die Reise.

Ein Städtetrip mit acht Sehenswürdigkeiten an einem Tag funktioniert mit einem Zwei- und Vierjährigen möglicherweise noch.

Die Frage ist nur: Warum sollte man sich das antun?

Wir planen inzwischen anders und lassen mehr passieren. Ein guter Vormittag darf auch einfach aus Frühstück, Straßenbahnfahren und einem Spielplatz bestehen.

Das ist nicht verlorene Urlaubszeit.

Das ist der Urlaub.

2. Plane weniger. Wirklich weniger.

Früher konnte ein Urlaubstag ungefähr so aussehen:

Frühstück. Museum. Altstadt. Mittagessen. Sehenswürdigkeit. Kaffee. Noch eine Sehenswürdigkeit. Abendessen.

Mit kleinen Kindern kann derselbe Plan um 9:17 Uhr daran scheitern, dass vor dem Hotel ein Bagger steht.

Und der Bagger ist interessant.

Sehr interessant.

Interessanter jedenfalls als die Sehenswürdigkeit, die laut Reiseführer „absolut sehenswert“ ist.

Wir Erwachsenen haben im Urlaub oft das Gefühl, möglichst viel erleben zu müssen. Schließlich sind wir nur ein paar Tage da.

Kinder haben dieses Problem nicht.

Sie können 45 Minuten lang einen Brunnen beobachten. Noch einmal mit der Straßenbahn fahren wollen. Steine sammeln. Tauben verfolgen. Oder auf einem Spielplatz Freundschaften schließen, obwohl keiner dieselbe Sprache spricht.

Deshalb planen wir lieber einen Fixpunkt statt fünf.

Der Rest darf entstehen.

Das nimmt Druck heraus. Bei den Kindern und vor allem bei uns.


3. Such nicht die kinderfreundlichste Unterkunft. Such die passende.

„Familienfreundlich“ ist eines dieser Wörter, die im Tourismus erstaunlich viel bedeuten können.

Vom Hochstuhl im Restaurant bis zum Indoor-Spielpark auf 2.000 Quadratmetern.

Ich habe beruflich lange im Tourismus gearbeitet. Und als Vater merke ich heute noch stärker:

Familien brauchen nicht alle dasselbe.

Wir brauchen zum Beispiel nicht zwingend Kinderanimation.

Uns sind andere Dinge wichtiger:

Können sich die Kinder bewegen?
Gibt es einen Spielplatz in der Nähe?
Kommen wir ohne Auto herum?
Können wir selbst etwas zu essen machen?
Gibt es Rückzugsmöglichkeiten?
Und müssen wir beim Frühstück permanent Angst haben, dass ein Zweijähriger das Designhotel neu dekoriert?

Deshalb kann eine Wohnung für uns familienfreundlicher sein als ein Familienhotel.

Und manchmal ist ein Zuhause von jemand anderem überhaupt die beste Lösung.


4. Ein Zuhause kann im Urlaub mehr wert sein als ein Hotel.

Wir reisen gerne mit Home Exchange.

Nicht nur, weil es finanziell attraktiv sein kann.

Sondern weil wir mit Kindern etwas bekommen, das ein Hotelzimmer nur schwer bieten kann:

Alltag.

Eine Küche.
Eine Waschmaschine.
Mehr Platz.
Manchmal Spielsachen.
Ein echtes Wohnviertel statt ausschließlich touristischer Infrastruktur.

Vor allem bei längeren Aufenthalten verändert das den Urlaub.

Wir müssen nicht dreimal täglich essen gehen. Ein Kind darf um 17 Uhr Nudeln wollen, ohne dass wir zuerst ein Restaurant mit freien Plätzen suchen müssen.

Und wenn um 19 Uhr alle durch sind, sitzen wir nicht zu fünft flüsternd in einem Hotelzimmer und hoffen, dass niemand aufwacht.

Natürlich braucht Home Exchange Vertrauen und Vorbereitung.

Aber für uns passt diese Form des Reisens ziemlich gut zu dem, was wir ohnehin suchen:

Weniger Konsumieren, mehr Leben.


5. Kinder brauchen im Urlaub nicht mehr Zeug. Sondern meistens weniger.

Für kleine Menschen besitzen Kinder erstaunlich viel Zeug.

Und vor einem Urlaub entsteht plötzlich der Eindruck, dass all dieses Zeug mitkommen muss.

Spielzeug. Bücher. Kuscheltiere. Reisebett. Kinderwagen. Beschäftigungsmaterial. Ersatzbeschäftigungsmaterial für den Fall, dass das Beschäftigungsmaterial nicht beschäftigt.

Wir versuchen, möglichst wenig mitzunehmen.

Nicht aus sportlichem Ehrgeiz.

Sondern weil jedes Ding, das wir mitnehmen, auch von jemandem getragen, gesucht, eingepackt und wieder heimgebracht werden muss.

Kinder finden unterwegs ohnehin Beschäftigung.

Ein Zugfenster.

Ein Stein.

Eine Rolltreppe.

Ein Stock.

Ein Stock ist überhaupt eines der zuverlässigsten Spielzeuge der Menschheitsgeschichte.

Und kostenlos.


6. Mobilität ist Teil der Reise und nicht nur der Weg dorthin.

Wir fahren gerne mit der Bahn.

Auch mit Kindern.

Auch wenn Menschen gelegentlich so reagieren, als hätte ich gesagt, wir wandern mit drei Kleinkindern barfuß über die Alpen.

Natürlich kann Bahnfahren mit Kindern zach sein.

Verspätungen sind mit einem müden Kind nicht romantischer als ohne.

Aber ein Zug hat einen entscheidenden Vorteil:

Ich kann Papa sein, während wir unterwegs sind.

Ich muss nicht stundenlang vorne sitzen und fahren.

Ich kann aufstehen. Vorlesen. Essen herrichten. Aus dem Fenster schauen. Ein Kind nehmen. Mit ihm durchs Abteil gehen.

Und die Reise beginnt nicht erst am Ziel.

Gerade ein Nachtzug kann für Familien spannend sein: Abends einsteigen, schlafen – zumindest lautet so die theoretische Idee 😄 – und morgens woanders aufwachen.

Das ist für Kinder nicht bloß Transport.

Das ist bereits ein Abenteuer.


7. Der Kinderwagen ist nicht automatisch Pflichtgepäck.

Das ist ein sehr persönlicher Punkt.

Unsere Kinder sind Tragekinder. Wir waren und sind viel mit Trage unterwegs und haben dadurch auf Reisen oft keinen Kinderwagen dabei.

Das passt nicht für jede Familie.

Und soll es auch nicht.

Aber für uns bedeutet es:

Keine Stufen suchen.

Keine Sorge um Kopfsteinpflaster.

Keinen Kinderwagen in Öffis hineinbugsieren.

Keinen Kofferraum voller Fahrgestell.

Und ein müdes Kind kann trotzdem schlafen.

Dafür trägt man eben ein Kind.

Teilweise sehr lange.

Mein Rücken möchte an dieser Stelle ausdrücklich darauf hinweisen, dass auch er Teil der Familie ist.

Die beste Reiseausstattung ist deshalb nicht die, die irgendeine Packliste empfiehlt.

Sondern die, die zu eurer Familie passt.


8. Der Tagesrhythmus reist mit.

Urlaub klingt für Erwachsene nach Ausnahmezustand.

Später essen. Länger aufbleiben. Spontan sein.

Kinder haben diesen Newsletter offenbar nicht abonniert.

Ein müdes Kleinkind bleibt auch in Italien müde.

Nur mit besserem Eis.

Wir versuchen deshalb nicht, unseren Alltag im Urlaub minutiös nachzubauen. Aber wir nehmen ernst, dass Schlaf, Essen, Ruhe und Nähe nicht plötzlich unwichtig werden, nur weil wir 700 Kilometer von zuhause entfernt sind.

Manchmal bedeutet das, früher zurückzugehen.

Manchmal fällt etwas aus.

Und manchmal sitzt einer mit einem schlafenden Kind irgendwo, während die anderen weitermachen.

Das ist kein gescheiterter Urlaubstag.

Das ist Familienurlaub.


9. Such dort nach Alltag, wo andere nach Sehenswürdigkeiten suchen.

Natürlich schauen wir uns Sehenswürdigkeiten an.

Aber mit Kindern interessieren mich inzwischen andere Dinge mindestens genauso sehr.

Wo ist der nächste Spielplatz?

Wie fahren hier die Öffis?

Wo kaufen Familien ein?

Gibt es einen Park?

Einen Markt?

Einen Brunnen?

Einen Platz, auf dem Kinder einfach laufen können?

Ein fremder Supermarkt kann für Kinder erstaunlich spannend sein.

Andere Verpackungen. Andere Lebensmittel. Andere Sprache.

Und für mich ist genau das Reisen:

Nicht nur jene Dinge abzuhaken, die auf TripAdvisor ganz oben stehen.

Sondern ein kleines Stück davon mitzubekommen, wie Menschen an einem anderen Ort leben.

Kinder sind darin oft ziemlich gut.

Vielleicht sogar besser als wir.


10. Hör auf, jeden Moment schön finden zu müssen.

Das ist mir wichtig.

Familienurlaub kann wunderschön sein.

Und gleichzeitig richtig anstrengend.

Kinder streiten auch am Meer.

Ein Zweijähriger bekommt auch vor einer wunderschönen italienischen Piazza einen Wutanfall.

Eltern sind auch im Urlaub müde.

Und wer drei Stunden schlecht geschlafen hat, wird nicht automatisch tiefenentspannt, nur weil draußen Palmen stehen.

Wir müssen daraus keine Dankbarkeitsübung machen.

Ein anstrengender Tag im Urlaub bedeutet nicht, dass der Urlaub schlecht ist.

Und ein Streit bedeutet nicht, dass wir als Familie nicht reisen können.

Wir dürfen genervt sein.

Wir dürfen Pläne streichen.

Wir dürfen sagen:

Heute reicht’s.

Vielleicht ist genau das der größte Unterschied zu früher.

Ich versuche nicht mehr, aus jedem Urlaubstag möglichst viel herauszuholen.

Ich versuche, in ihm zu sein.


Mit Kindern kannst du nicht mehr reisen wie früher. Gut so.

Reisen mit Kindern ist langsamer.

Unberechenbarer.

Manchmal anstrengender.

Und ziemlich sicher schlechter planbar.

Aber Kinder haben mir auch etwas über Reisen beigebracht, das ich trotz vieler Jahre im Tourismus erst als Vater wirklich verstanden habe:

Ein Ort wird nicht dadurch besonders, dass wir möglichst viel von ihm gesehen haben.

Manchmal bleibt ein Spielplatz stärker in Erinnerung als ein Museum.

Eine Zugfahrt mehr als eine Sehenswürdigkeit.

Das gemeinsame Eis auf irgendeiner Parkbank mehr als das Restaurant, das wir Wochen vorher reserviert haben.

Vielleicht brauchen Kinder keinen perfekten Familienurlaub.

Vielleicht brauchen sie auch keine Eltern, die ihnen möglichst viel zeigen.

Vielleicht brauchen sie Eltern, die mit ihnen hinschauen.

Und vielleicht ist Urlaub mit kleinen Kindern deshalb tatsächlich nicht mehr Urlaub wie früher.

Gut so.

Papa. Fürs Leben da.

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