Fahrrad mit mehreren Paketen für den Secondhand-Verkauf

Secondhand mit Kindern: Warum bei uns fast nichts neu sein muss

Bei uns ist fast alles gebraucht.

Die Kleidung unserer Kinder.
Das Spielzeug.
Möbel.
Fahrräder.

Aber auch unser Kühlschrank.

Der Lattenrost.

Und ja:

Sogar Unterhosen.

Spätestens an dieser Stelle teilt sich die Leserschaft vermutlich in zwei Gruppen.

Die einen denken: logisch.

Die anderen haben diesen Artikel gerade ein kleines Stück weiter vom Gesicht weggehalten.

Dabei gibt es einen entscheidenden Unterschied:

Gebraucht gekauft heißt nicht automatisch benutzt.

Es kann genauso bedeuten:

Falsche Größe bestellt.
Doppelt geschenkt bekommen.
Zu viel gekauft.
Nie verwendet.
Ausgepackt und festgestellt: brauche ich doch nicht.

Nur eben zu einem erheblich niedrigeren Preis.

Und irgendwann haben wir uns deshalb eine ziemlich einfache Frage gestellt:

Warum muss etwas neu produziert und zum vollen Preis verkauft werden, nur damit es bei uns neu einzieht?

Secondhand ist bei uns kein Sparprogramm

Wir kaufen nicht gebraucht, weil wir uns grundsätzlich nichts Neues leisten könnten.

Wir kaufen gebraucht, weil wir den Sinn dahinter oft nicht sehen.

Ein Kinderpullover hat kein Ablaufdatum.

Ein Holzbett weiß nicht, wie viele Menschen schon darin geschlafen haben.

Einem Kühlschrank ist ziemlich egal, ob unsere Butter seine erste oder zweite Besitzerin ist.

Und ein Spielzeugauto fährt mit Vorbesitzer erstaunlicherweise genauso schnell über den Wohnzimmerboden.

Secondhand ist für uns deshalb kein Verzicht.

Es ist unser normales Einkaufsverhalten.

Neu ist die Ausnahme. Gebraucht ist der Standard.

Wir kaufen wirklich alles gebraucht

Und mit alles meine ich:

alles.

Kinderkleidung.

Erwachsenenkleidung.

Schuhe.

Spielzeug.

Bücher.

Möbel.

Elektrogeräte.

Fahrräder.

Lattenroste.

Küchengeräte.

Kühlschrank.

Unterwäsche.

Natürlich schauen wir dabei hin.

Zustand, Hygiene, Sicherheit und Lebensdauer spielen eine Rolle.

Bei sicherheitsrelevanten Produkten gelten andere Maßstäbe als bei einem T-Shirt.

Aber der erste Gedanke ist bei uns fast nie:

Wo bekomme ich das neu?

Sondern:

Wo bekomme ich das gebraucht?

Gebraucht heißt nicht benutzt

Das ist einer der größten Denkfehler rund um Secondhand.

Wer auf Plattformen wie Willhaben sucht, findet eben nicht nur zehn Jahre alte Dinge mit fünf Vorbesitzern.

Man findet originalverpackte Ware.

Fehlkäufe.

Geschenke, die niemand gebraucht hat.

Kleidung mit Etikett.

Dinge, die jemand unbedingt haben musste und drei Wochen später wieder loswerden möchte.

Der Konsum eines anderen wird dadurch zu unserer Ersparnis.

Das klingt vielleicht ein bisserl böse.

Ist aber ziemlich praktisch.

Flohmarkt ist bei uns Freizeitprogramm

Andere Familien fahren am Wochenende ins Einkaufszentrum.

Wir sind ziemlich zuverlässig dort zu finden, wo auf Tapeziertischen Kisten voller Matchbox-Autos stehen.

Flohmärkte.

Unsere Kinder kennen das.

Sie stöbern.

Sie suchen.

Sie vergleichen.

Und sie wissen mittlerweile erstaunlich genau, was Dinge kosten dürfen.

Ein Matchbox-Auto?

20 Cent.

Vielleicht einmal 50 Cent, wenn Papa großzügig ist.

Im Handel stehen ähnliche kleine Autos teilweise für mehrere Euro.

Und dann kommt von unseren Kindern mittlerweile tatsächlich die Frage:

„Warum sollte man das kaufen, Papa?“

Gute Frage.

Ich habe keine besonders überzeugende Antwort darauf.

Tauschbox statt Warenkorb

Noch besser als gebraucht kaufen?

Gar nichts bezahlen.

Wir nutzen Tauschläden und Tauschboxen.

Dinge hinein.

Andere Dinge heraus.

Manchmal bringen wir fünf Sachen hin und nehmen nichts mit.

Manchmal finden die Kinder genau dort etwas, das sie gerade begeistert.

Das Schöne daran ist nicht nur die Ersparnis.

Kinder erleben dabei etwas, das im klassischen Handel kaum vorkommt:

Ein Gegenstand muss nicht gekauft werden, um einen Wert zu haben.

Und ich muss etwas nicht besitzen, nur weil ich es einmal besessen habe.

Dinge dürfen weiterziehen.

Kaufen. Nutzen. Weiterverkaufen.

Denn Secondhand funktioniert für uns in beide Richtungen.

Wir kaufen gebraucht.

Wir verwenden die Dinge.

Und wenn wir sie nicht mehr brauchen, verkaufen wir sie wieder.

Über Willhaben nehmen wir mit unseren gebrauchten Artikeln mittlerweile mehr als 5.000 Euro pro Jahr ein.

Das ist eine Menge Geld.

Aber – und das wird in der ganzen Minimalismus-Romantik gerne vergessen:

Konsum macht Arbeit. Auch wenn man Dinge wieder verkauft.

Fotografieren.

Beschreibung schreiben.

Preis recherchieren.

Inserieren.

Nachrichten beantworten.

„Noch da?“

Ja.

„Was letzte Preis?“

Nein.

Abholtermine vereinbaren.

Auf Menschen warten, die nicht kommen.

Pakete einpacken.

Zur Post bringen.

Inserate aktualisieren.

Dinge lagern, bis sie verkauft sind.

Auch Dinge loszuwerden kostet Zeit.

Und genau das hat meinen Blick auf Konsum verändert.

Bei einem Kauf denke ich nicht mehr nur darüber nach:

Kann ich mir das leisten?

Sondern auch:

Will ich mich später wieder darum kümmern müssen?

Das ist eine ziemlich effektive Konsumbremse.

Minimalismus bedeutet nicht, nichts zu besitzen

Minimalismus wird gerne mit leeren weißen Wohnungen verwechselt, in denen drei handgedrechselte Holzgegenstände dekorativ auf einem Regal liegen.

Dann kamen Kinder.

Seitdem weiß ich:

Minimalismus mit Kindern sieht anders aus.

Wir besitzen Dinge.

Teilweise ziemlich viele.

Aber wir versuchen, ihnen keinen höheren Stellenwert zu geben, als sie verdienen.

→ Weniger Spielzeug, mehr Spiel / Montessori zuhause ohne Montessori-Spielzeug

Ein Spielzeug darf intensiv benutzt werden.

Ein Pullover darf dreckig werden.

Ein Fahrrad darf Kratzer bekommen.

Unsere Kinder sollen Dinge benutzen. Nicht ihren Wert bewachen.

Und gerade Secondhand hilft dabei.

Wenn das 20-Cent-Auto irgendwann einen Kratzer hat, ist das kein wirtschaftlicher Totalschaden.

Es ist ein Spielzeug.

Genau dafür war es da.

Unsere Kinder bekommen dadurch einen anderen Bezug zu Geld

Das finde ich inzwischen fast spannender als die finanzielle Ersparnis.

Unsere Kinder wachsen nicht mit der Vorstellung auf:

Ich möchte etwas, also gehen wir ins Geschäft und kaufen es.

Sondern:

Brauchen wir es überhaupt?

Gibt es das gebraucht?

Schauen wir beim Flohmarkt?

Ist etwas in der Tauschbox?

Können wir dafür etwas anderes weitergeben?

Was kostet es?

Und ist es uns das wert?

Das sind ziemlich große wirtschaftliche Fragen für ziemlich kleine Menschen.

Aber sie entstehen bei uns nebenbei.

Nicht in einer Lektion über Finanzbildung.

Sondern vor einer Kiste Matchbox-Autos.

20 Cent.

Fünf Euro im Geschäft.

Und plötzlich versteht ein Vierjähriger etwas, wofür Erwachsene Kreditkarten erfunden haben:

Preis und Wert sind nicht dasselbe.

Secondhand ermöglicht uns Qualität

Secondhand bedeutet für uns nämlich ausdrücklich nicht:

Hauptsache billig.

Im Gegenteil.

Wir kaufen lieber ein hochwertiges Produkt gebraucht als ein minderwertiges Produkt neu.

Massivholz statt Pressspan.

Naturmaterialien statt Wegwerfprodukt.

Ein gutes Kleidungsstück, das schon ein Kind getragen hat, statt drei billiger Teile, die nach wenigen Wäschen durch sind.

Gerade bei Kindern ergibt das Sinn.

Sie wachsen schnell.

Interessen verändern sich.

Spielzeug wird irgendwann uninteressant.

Das Fahrrad wird zu klein.

Warum sollte jede Familie diesen Kreislauf wieder bei null beginnen?

Secondhand macht Qualität für viel weniger Geld verfügbar.

Und wenn wir die Dinge später wieder weiterverkaufen, kostet uns manche Anschaffung über ihre gesamte Nutzungsdauer erstaunlich wenig.

Nachhaltigkeit ist schön. Die Ersparnis auch.

Manchmal wird nachhaltiger Konsum so dargestellt, als dürfte Geld dabei keine Rolle spielen.

Doch.

Natürlich spielt Geld eine Rolle.

Wenn ich etwas für 30 statt 100 Euro bekomme, sind 70 Euro noch auf unserem Konto.

Das darf ein Argument sein.

Wenn gleichzeitig kein neues Produkt nur für uns hergestellt werden muss und ein vorhandener Gegenstand länger genutzt wird:

Umso besser.

Wir müssen daraus keinen moralischen Wettbewerb machen.

Secondhand kann gleichzeitig

nachhaltiger,

günstiger

und vernünftiger sein.

Das reicht mir vollkommen.

Unsere Kinder verzichten deshalb nicht

Das ist mir wichtig.

Unsere Kinder sollen nicht irgendwann erzählen:

„Wir hatten nie etwas, weil Papa gegen Konsum war.“

Sie haben Fahrräder.

Spielzeug.

Bücher.

Kleidung.

Dinge, die ihnen Freude machen.

Nur steht auf der Geschichte dieser Dinge vielleicht nicht:

Gestern bei uns gekauft.

Sondern:

War vorher bei einem anderen Kind.

Stand in einer Tauschbox.

Lag am Flohmarkt.

Jemand hatte es zu viel.

Und irgendwann braucht es vielleicht wieder jemand anderes.

Ich finde diese Geschichte eigentlich schöner.

PapaKann-Fazit

Wir kaufen fast alles gebraucht.

Nicht aus Zwang.

Sondern aus Überzeugung.

Wir gehen auf Flohmärkte.

Wir nutzen Tauschläden und Tauschboxen.

Wir verkaufen weiter, was wir nicht mehr brauchen.

Und ja:

Damit sparen und verdienen wir jedes Jahr mehrere Tausend Euro.

Aber noch wichtiger finde ich etwas anderes.

Unsere Kinder erleben Konsum anders.

Nicht jedes Habenwollen endet an einer Kassa.

Nicht alles Neue ist besser.

Nicht alles Gebrauchte ist schlechter.

Und Dinge verlieren ihren Wert nicht automatisch, weil jemand sie vor uns besessen hat.

Vielleicht müssen wir unseren Kindern gar nicht beibringen, dass gebraucht genauso gut wie neu sein kann.

Vielleicht müssen wir nur aufhören, ihnen beizubringen, dass neu automatisch besser ist.

Und wenn mein Kind vor einem Matchbox-Auto um fünf Euro steht und mich fragt:

„Warum sollte man das kaufen, Papa?“

dann denke ich mir:

20 Cent gut investiert.

Quellen & Weiterlesen

Umweltbundesamt Österreich – Abfallvermeidung & Wiederverwendung
Wiederverwendung verlängert die Nutzungsdauer von Produkten und kann dazu beitragen, Abfälle sowie den Ressourcenverbrauch durch Neuanschaffungen zu reduzieren. Das liefert die sachliche Grundlage für euren Grundsatz „erst gebraucht schauen, dann neu“.

Europäische Kommission – Circular Economy Action Plan
Die EU-Kreislaufwirtschaftspolitik setzt unter anderem darauf, Produkte länger nutzbar zu machen, Wiederverwendung zu fördern und Ressourcen möglichst lange im Wirtschaftskreislauf zu halten. Genau in diesem Kreislauf bewegt sich euer Kaufen → Nutzen → Weitergeben beziehungsweise Weiterverkaufen.

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