Zwei Geschwister sitzen gemeinsam auf einem Fahrzeug

Geschwisterstreit: Warum wir nicht sofort eingreifen

„Papa! Sie hat mir das weggenommen!“

Früher wäre ich vermutlich sofort hingegangen.

Wer hatte es zuerst?

Wer hat angefangen?

Wer muss es zurückgeben?

Wer muss sich entschuldigen?

Kurz: Papa betritt den Raum, erhebt Beweise und verkündet fünf Minuten später das Urteil.

Heute versuche ich häufiger etwas anderes:

Erst einmal gar nichts.

Nicht weil es mir egal ist.

Sondern weil ich langsam verstanden habe:

Nicht jeder Geschwisterstreit braucht einen Schiedsrichter.

Geschwisterstreit gehört bei uns zum Familienalltag

Wir haben drei Kinder.

Da wäre es einigermaßen ambitioniert zu erwarten, dass diese drei Menschen die nächsten Jahre friedlich nebeneinander existieren.

Sie lieben sich.

Sie suchen einander.

Sie spielen miteinander.

Und manchmal würden sie sich vermutlich gerne gegenseitig auf Willhaben stellen.

Das gehört zusammen.

Denn Geschwister sind nicht nur Spielpartner.

Sie sind Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen, Ideen und Entwicklungsständen, die sich ziemlich viel Lebensraum teilen müssen.

Und manchmal wollen zwei davon exakt dasselbe.

Natürlich gleichzeitig.

Wir sind Eltern. Keine Schiedsrichter.

Mein erster Impuls bei einem Streit ist häufig:

Lösen.

Ich möchte wissen, wer recht hat.

Also beginne ich zu ermitteln.

„Wer hatte es zuerst?“

„Was ist passiert?“

„Warum hast du das gemacht?“

Das Problem:

Ich war meistens gar nicht dabei.

Kind eins erzählt seine Version.

Kind zwei eine vollkommen andere.

Und spätestens nach 30 Sekunden rekonstruiere ich einen Konflikt, bei dem vermutlich selbst beide Beteiligten nicht mehr genau wissen, wie er begonnen hat.

Muss ich überhaupt wissen, wer angefangen hat?

Immer häufiger denke ich:

Nein.

Vielleicht ist meine Aufgabe gar nicht, Recht zu sprechen.

Sondern den Rahmen zu halten, in dem meine Kinder lernen können, miteinander umzugehen.

Erst einmal beobachten

Wenn meine Kinder streiten, versuche ich deshalb nicht mehr automatisch dazwischenzugehen.

Ich schaue.

Kann das jüngere Kind seine Grenze ausdrücken?

Hört das andere auf?

Finden sie selbst eine Lösung?

Wird aus dem Konflikt gerade ein Spiel?

Oder eskaliert die Situation?

Manchmal passiert etwas Erstaunliches:

Sie lösen es tatsächlich ohne mich.

Nicht immer so, wie ich es gelöst hätte.

Aber das ist vielleicht sogar der Punkt.

Wenn Erwachsene jeden Konflikt sofort übernehmen, bekommen Kinder wenig Gelegenheit, eigene Lösungen auszuprobieren.

Gerade jüngere Kinder brauchen dabei oft noch unsere Unterstützung. Selbst lösen lassen bedeutet für uns deshalb nicht, sie mit ihrem Konflikt allein zu lassen.

Das heißt nicht, dass ich sie alleine lasse.

Ich bin da.

Aber da sein und übernehmen sind zwei unterschiedliche Dinge.

Nicht eingreifen heißt nicht wegschauen

Das ist mir wichtig.

„Die sollen das unter sich ausmachen“ kann genauso problematisch werden wie ständiges Eingreifen.

Kinder sind unterschiedlich alt.

Unterschiedlich stark.

Unterschiedlich sprachlich entwickelt.

Und manchmal schlicht unterschiedlich geschickt darin, sich durchzusetzen.

Wenn ein Kind körperlich wird, ein anderes Kind sich nicht schützen kann oder eine Situation offensichtlich kippt, greife ich ein.

Nicht erst, wenn jemand weint.

Ich kann eine Hand stoppen.

Mich dazwischenstellen.

Ein Kind aus der Situation nehmen.

Und klar sagen:

„Ich lasse nicht zu, dass du sie schlägst.“

Das ist für mich keine Strafe.

Das ist eine Grenze.

Kinder brauchen Erwachsene, die Verantwortung übernehmen, wenn sie eine Situation selbst noch nicht regulieren können.

Wer hatte es zuerst?

Eine der großen Geschwisterfragen.

Und gleichzeitig eine, bei der ich merke, wie schnell wir Erwachsenen einfache Regeln für ziemlich komplizierte Situationen suchen.

Natürlich kann Besitz beziehungsweise die vorherige Nutzung relevant sein.

Wenn ein Kind gerade mit etwas spielt und das andere es ihm aus der Hand reißt, muss ich nicht so tun, als hätten beide exakt dieselbe Position.

Aber daraus folgt für mich nicht:

Wer zuerst da war, besitzt den Gegenstand bis zum Abend.

Manchmal brauchen Kinder Unterstützung beim Abwechseln.

Manchmal eine Alternative.

Manchmal Zeit.

Und manchmal muss das andere Kind schlicht warten.

Auch das gehört zum Familienleben.

Unsere Kinder müssen nicht teilen

Das klingt erst einmal hart.

Dabei meine ich damit nicht:

Jeder verteidigt seinen Besitz bis aufs Blut.

Ich möchte, dass unsere Kinder großzügig werden.

Dass sie anderen etwas geben.

Dass sie Freude daran entwickeln, gemeinsam zu spielen.

Aber:

Großzügigkeit funktioniert schlecht unter Zwang.

Wenn ein Kind gerade intensiv mit etwas spielt, möchte ich ihm nicht automatisch sagen:

„Jetzt gib es deiner Schwester. Du musst teilen.“

Nur weil ein zweites Kind dasselbe möchte.

Wir Erwachsenen machen das schließlich auch nicht.

Wenn ich gerade Kaffee trinke und jemand möchte meine Tasse, antworte ich vermutlich nicht:

„Natürlich. Ich muss teilen lernen.“

Kinder dürfen erleben:

Das gehört mir.

Damit spiele ich gerade.

Ich darf Nein sagen.

Und gleichzeitig:

Andere Menschen haben ebenfalls Bedürfnisse.

Manchmal muss ich warten.

Manchmal finden wir eine Lösung.

Das sind für mich wertvollere Erfahrungen als ein reflexartiges:

„Jetzt teilt halt!“

Es gibt aber dennoch „Allgemeingut“ und einige Gegenstände, die spezifisch dem Kind gehören. So finden wir die Brücke.

Zwei Kinder. Zwei Perspektiven.

Ein Geschwisterstreit ist selten eine Gerichtsverhandlung mit einem eindeutig Schuldigen.

Für das eine Kind war es:

„Sie hat mir das Auto weggenommen.“

Für das andere:

„Er spielt schon ewig damit.“

Beides kann stimmen.

Genau das finde ich spannend.

Kinder lernen im Zusammenleben mit Geschwistern ständig:

Andere Menschen wollen nicht automatisch dasselbe wie ich.

Das ist manchmal ziemlich unbequem.

Aber enorm wichtig.

Und gerade deshalb finde ich es so wertvoll, wenn Kinder ihren eigenen Willen entwickeln und ausdrücken dürfen.

Zwei Kinder, die Nein sagen können, werden allerdings irgendwann feststellen:

Zwei Neins ergeben nicht automatisch ein Ja.

Dann beginnt Beziehung.

Muss ich jedes Gefühl gleich behandeln?

Nein.

Aber ich möchte jedes Gefühl ernst nehmen.

Das ist ein Unterschied.

Ein Kind ist traurig, weil es warten muss.

Das andere ist wütend, weil ich eingegriffen habe.

Beides darf sein.

Ich muss deshalb nicht sofort eine Lösung produzieren, bei der beide Kinder wieder glücklich sind.

Manchmal gibt es die schlicht nicht.

Ein fair gelöster Konflikt kann trotzdem ein enttäuschtes Kind hinterlassen.

Das auszuhalten finde ich als Papa manchmal schwieriger als den eigentlichen Streit.

Wir wollen Harmonie.

Am besten jetzt.

Aber Familie ist keine Dauerharmonie.

Sie ist Beziehung.

Und Beziehung hält auch Konflikte aus.

„Sag Entschuldigung!“

Auch so ein Klassiker.

Ein Kind haut das andere.

Ich greife ein.

Das andere weint.

Und dann kommt fast automatisch:

„Jetzt entschuldigst du dich.“

Was lernen Kinder daraus?

Vielleicht Empathie.

Vielleicht aber auch einfach die richtige Wortfolge, um einen unangenehmen Moment schnell zu beenden.

„Tschuldigung.“

Fertig.

Ich finde deshalb die Wiedergutmachung interessanter als das erzwungene Wort.

Was ist passiert?

Wie geht es dem anderen Kind?

Braucht es etwas?

Kann ich etwas tun?

Manchmal kommt daraus eine echte Entschuldigung.

Manchmal eine Umarmung.

Manchmal wird ein umgeworfener Turm wieder aufgebaut.

Und manchmal ist das Kind noch viel zu wütend dafür.

Dann darf etwas Zeit vergehen.

Empathie lässt sich schlecht auf Kommando aufführen.

Was passiert, wenn eine Grenze überschritten wird?

Dann handeln wir.

Aber nicht zwingend mit einer Strafe.

Wenn eines meiner Kinder mit einem Gegenstand schlägt, nehme ich den Gegenstand möglicherweise zunächst weg.

Nicht:

„Weil du böse warst.“

Sondern:

„Damit kann ich dich gerade nicht weiterspielen lassen, wenn du damit schlägst.“

Wenn Sand geworfen wird, stoppe ich das Werfen.

Wenn ein Kind ein anderes immer wieder verletzt, trenne ich die Situation.

Die Folge hängt unmittelbar mit dem zusammen, was gerade passiert.

Das unterscheidet sich für mich von:

„Weil du deine Schwester geschlagen hast, gibt es heute keinen Tonie.“

Was genau hat der Tonie jetzt verbrochen?

Geschwister müssen sich nicht immer mögen

Das ist vielleicht einer meiner wichtigsten Gedanken.

Wir wünschen uns als Eltern natürlich:

Unsere Kinder sollen beste Freunde sein.

Für immer.

Weihnachten kommen später alle mit ihren Familien zu uns.

Alle verstehen sich.

Niemand streitet über das Erbe.

Schön.

Nur kann ich das nicht herstellen.

Meine Kinder sind Geschwister, weil wir Eltern entschieden haben, weitere Kinder zu bekommen.

Sie haben einander nicht ausgesucht.

Das bedeutet nicht, dass ihre Beziehung unwichtig ist.

Im Gegenteil.

Aber ich möchte ihnen nicht zusätzlich die Verantwortung aufladen, eine romantische Vorstellung von Geschwisterliebe erfüllen zu müssen.

Sie dürfen einander lieben.

Sie dürfen einander nerven.

Sie dürfen Nähe wollen.

Und Abstand.

„Aber du bist doch der Große.“

Diesen Satz versuche ich zu vermeiden.

Das ältere Kind muss nicht automatisch nachgeben, weil es älter ist.

Es muss nicht immer vernünftiger sein.

Nicht immer teilen.

Nicht immer verstehen, dass das kleinere Geschwisterkind „es halt noch nicht besser weiß“.

Natürlich kann ein Vierjähriger Dinge verstehen, die ein Zweijähriges noch nicht versteht.

Aber er ist trotzdem vier.

Nicht 34.

Das ältere Kind ist nicht der Hilfspädagoge der Familie.

Wenn das jüngere Kind seine Grenze überschreitet, ist es unsere Aufgabe als Eltern, damit umzugehen.

Nicht die Aufgabe des älteren Kindes, einfach großzügiger zu sein.

Mit drei Kindern wird Gerechtigkeit kompliziert

Gleich behandeln klingt zunächst fair.

Nur brauchen drei Kinder nicht immer dasselbe.

Das Baby bekommt etwas, was die größeren Kinder nicht bekommen.

Die Zweijährige braucht bei manchen Dingen mehr Unterstützung.

Der Vierjährige darf Dinge, die seine Schwester noch nicht darf.

Das kann sich für ein Kind unfair anfühlen.

Und manchmal ist es das vielleicht sogar.

Wir Eltern treffen schließlich nicht permanent perfekte Entscheidungen.

Aber mein Ziel ist nicht:

Alle bekommen immer exakt dasselbe.

Sondern:

Alle sollen bekommen, was sie gerade brauchen – soweit das in einer Familie eben möglich ist.

Das ist ein Unterschied.

Und mit drei Kindern ein tägliches Übungsfeld.

Manchmal bin ich trotzdem der Schiedsrichter

Natürlich.

Es gibt Tage, an denen ich keine pädagogisch wertvolle Konfliktbegleitung veranstalte.

Dann höre ich zum zwölften Mal:

„PAPAAAA!“

gehe hin und sage:

„Aus. Jetzt ist Schluss.“

Willkommen im echten Leben.

Ich werde nicht jeden Geschwisterkonflikt ideal begleiten.

Manchmal bin ich müde.

Manchmal genervt.

Manchmal greife ich zu früh ein.

Manchmal zu spät.

Und manchmal stelle ich fünf Minuten später fest:

Das hätten die beiden wahrscheinlich besser ohne mich gelöst.

Auch das gehört dazu.

PapaKann-Fazit

Geschwisterstreit ist anstrengend.

Laut.

Manchmal absurd.

Und für uns Eltern wahnsinnig verlockend, sofort zu lösen.

Aber ich versuche immer häufiger, zuerst zu beobachten.

Brauchen sie mich wirklich?

Oder brauche vor allem ich gerade Harmonie?

Nicht jeder Streit braucht einen Gewinner.

Nicht jeder Konflikt einen Schuldigen.

Nicht jedes Wegnehmen eine Strafe.

Und nicht jedes weinende Kind beweist, dass wir Eltern eingreifen müssen.

Aber:

Wenn ein Kind sich nicht schützen kann, körperliche Grenzen überschritten werden oder die Situation kippt, übernehmen wir Verantwortung.

Nicht eingreifen heißt nicht wegschauen.

Vielleicht ist das unsere Aufgabe bei Geschwisterstreit:

Nicht jeden Konflikt für unsere Kinder zu lösen.

Sondern ihnen nach und nach zu helfen, es selbst zu können.

Und bis dahin?

Versuche ich, nicht bei jedem:

„PAPAAAA!“

sofort die gelbe Karte zu ziehen.

Quellen & Weiterlesen

Laurie Kramer, Lisa A. Perozynski & Tsai-Yen Chung – Parental Responses to Sibling Conflict: The Effects of Development and Parent Gender
Die Studie beobachtete 88 Familien mit zwei Kindern direkt im Familienalltag. Besonders interessant für unseren Artikel: Reines Nicht-Eingreifen war bei jüngeren Geschwisterpaaren mit mehr nachfolgenden Konflikten verbunden. Die Ergebnisse sprechen deshalb nicht für „Kinder sollen alles alleine regeln“, sondern für eine alters- und situationsabhängige Begleitung durch Eltern.

Jesper Juul – Aggression. Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist
Juul betrachtet kindliche Aggression nicht einfach als Fehlverhalten, das Erwachsene möglichst schnell unterbinden müssen. Für PapaKann ist besonders seine Perspektive auf Gefühle, persönliche Grenzen und die Verantwortung der Erwachsenen interessant.

Remo H. Largo – Kinderjahre
Largo beschreibt die große individuelle Verschiedenheit kindlicher Entwicklung. Das ist auch für Geschwister relevant: Zwei Kinder derselben Familie können hinsichtlich Temperament, Entwicklung und Fähigkeiten sehr unterschiedlich sein – und brauchen deshalb nicht zwangsläufig dieselbe Unterstützung.

Nicola Schmidt – artgerecht – Das andere Kleinkinderbuch
Schmidt bietet eine alltagsnahe Perspektive auf Konflikte, starke Gefühle und Kooperation bei kleinen Kindern. Für diesen Artikel dient das Buch vor allem als praktische Ergänzung zur wissenschaftlichen Geschwisterforschung.

Dieser Artikel beschreibt unseren persönlichen Umgang mit Geschwisterkonflikten und ordnet ihn mithilfe von Fachliteratur und Forschung ein. Er ist keine individuelle pädagogische oder psychologische Beratung.

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