Kind an einer kurvigen Rutsche im Wald als Symbol für den Familienalltag mit drei Kindern

Drei Kinder: Was beim dritten plötzlich völlig egal wird.

Beim ersten Kind googelt man die Farbe des Stuhlgangs.
Beim dritten ist man froh, wenn man weiß, welches Kind gerade wo ist.

Okay. Ein bisserl übertrieben.

Aber nur ein bisserl.

Wir haben drei Kinder. Vier Jahre, zwei Jahre und ganz frisch: Nummer drei.

Und schon nach wenigen Wochen merke ich etwas, das vermutlich viele Mehrfacheltern kennen:

Beim dritten Kind ist vieles plötzlich völlig egal.

Nicht das Kind natürlich.

Sondern all die Dinge, von denen man beim ersten noch dachte, sie würden darüber entscheiden, ob aus diesem kleinen Menschen irgendwann etwas wird.

Der richtige Schlafrhythmus.

Die richtige Einschlafbegleitung.

Die richtige Kleidung.

Das richtige Spielzeug.

Der richtige Zeitpunkt für dieses und jenes.

Und die Frage, ob das Baby heute schon exakt genug Bauchlage gemacht hat.

Beim ersten Kind wollten wir vieles richtig machen.

Beim dritten denke ich häufiger:

Wird schon.

Und ich glaube inzwischen, dass das gar keine schlechte Entwicklung ist.

Wir haben drei Kinder. Vier Jahre, zwei Jahre und ganz frisch: Nummer drei. Und schon nach wenigen Wochen merke ich etwas, das vermutlich viele Mehrfacheltern kennen.

Das erste Kind bekommt Eltern. Das dritte bekommt Erfahrung.

Beim ersten Kind ist alles neu.

Das erste Fieber.

Der erste Ausschlag.

Das erste Mal Beikost.

Der erste Zahn.

Der erste Sturz.

Das erste Mal, dass dieses Kind plötzlich drei Stunden schreit und du keine Ahnung hast, warum.

Du hast keine Vergleichswerte.

Also liest du.

Googelst.

Fragst.

Beobachtest.

Und interpretierst Dinge, über die du wenige Jahre später nicht einmal mehr nachdenken würdest.

Beim dritten Kind weißt du:

Kinder halten erstaunlich viel Elternsein aus.

Auch unseres.

Das bedeutet nicht, dass uns Dinge weniger wichtig geworden sind.

Im Gegenteil.

Wir haben nur besser verstanden, welche Dinge wichtig sind.

Das perfekte Babyspielzeug? Völlig egal.

Beim ersten Kind kann man erstaunlich viel Zeit damit verbringen, das pädagogisch wertvollste Spielzeug zu suchen.

Holz natürlich.

Am besten nachhaltig.

Motorisch fördernd.

Nicht blinkend.

Nicht piepsend.

Nicht aus Plastik.

Beim dritten Kind liegt das Baby daneben und schaut seinem Bruder dabei zu, wie er versucht, mit einer Küchenrolle einen Hasen zu füttern.

Und ist bestens unterhalten.

Kinder brauchen natürlich eine passende Umgebung.

Aber inzwischen glaube ich noch stärker:

Das interessanteste Spielzeug für Kinder sind andere Menschen.

Geschwister sind diesbezüglich ohnehin eine Art pädagogisches All-inclusive-Paket.

Motorik.

Sprache.

Konfliktmanagement.

Frustrationstoleranz.

Und gelegentlich Nahkampf.

Alles dabei.

Alltag mit drei Kindern: Planen kann man ja mal

Mit einem Kind kann man einen Tagesablauf haben.

Mit zwei Kindern kann man versuchen, einen Tagesablauf zu haben.

Mit drei Kindern hat der Tagesablauf manchmal eigene Vorstellungen.

Eines schläft.

Eines muss aufs Klo.

Eines hat Hunger.

Dann wacht das erste auf.

Das zweite möchte jetzt doch nicht aufs Klo.

Und das dritte hat beschlossen, dass Hunger eigentlich eine ziemlich gute Idee wäre.

Familienorganisation mit drei kleinen Kindern ist weniger Uhrwerk und mehr Improvisationstheater.

Natürlich haben wir Strukturen.

Die brauchen nicht nur die Kinder, sondern auch wir.

Gerade unsere gemeinsamen Mahlzeiten geben unserem Tag viel Rhythmus. Frühstück, Obstjause, Mittagessen, Obstjause, Abendessen – fünf kleine Fixpunkte im täglichen Chaos.

Aber ich habe aufgehört zu glauben, dass ein guter Familientag daran erkennbar ist, dass alles nach Plan läuft.

Manchmal ist ein guter Familientag einfach einer, an dessen Ende noch alle da sind.

Das bisschen Dreck? Wirklich egal.

Das ist vielleicht meine Lieblingsentwicklung.

Beim ersten Baby wird etwas sterilisiert, das vermutlich sauberer war als der Operationstisch eines durchschnittlichen Krankenhauses.

Beim dritten Baby denkst du kurz darüber nach, ob der Schnuller wirklich schon Boden berührt hat.

Oder nur Geschwister.

Natürlich gibt es Hygiene.

Natürlich waschen wir Hände.

Natürlich reinigen wir Dinge.

Aber dieses permanente Gefühl, die Welt rund um ein Baby möglichst keimfrei gestalten zu müssen?

Ist bei uns ziemlich verschwunden.

Schon alleine deshalb, weil zwei ältere Geschwister dieses Konzept zuverlässig sabotieren würden.

Was andere von unserem Familienleben halten? Auch immer egaler.

Vielleicht ist das der größte Unterschied.

Beim ersten Kind schaut man noch häufiger nach links und rechts.

Machen andere das auch so?

Ist Familienbett okay?

Ist Tragen okay?

Ist es okay, wenn unser Kind keinen Kinderwagen mag?

Braucht es das?

Müsste es jenes schon können?

Beim dritten Kind haben wir schon oft genug erlebt, dass etwas bei Kind eins wunderbar funktioniert hat und bei Kind zwei überhaupt nicht.

Kinder sind verschieden.

No na.

Und trotzdem brauchte ich offenbar mehrere davon, um wirklich zu verstehen, wie befreiend dieser Satz ist.

Wir schlafen so, wie es für uns funktioniert.

Wir tragen unsere Kinder.

Wir essen gemeinsam.

Wir versuchen bedürfnisorientiert zu begleiten.

Wir besitzen lieber weniger Zeug.

Und manches davon würden andere Familien vollkommen anders machen.

Gut so.

Familie ist kein standardisiertes Betriebssystem.

Was beim dritten Kind überhaupt nicht egal wird

Bis hierher könnte man meinen, das dritte Kind werde einfach irgendwie mitgezogen.

Das wäre falsch.

Denn manche Dinge werden nicht unwichtiger.

Sie werden wichtiger.

Nähe.

Beziehung.

Zeit.

Das Gefühl:

Ich sehe dich.

Und genau dort wird es mit drei Kindern manchmal richtig schwierig.

Denn Liebe lässt sich ziemlich problemlos vermehren.

Zeit leider nicht.

Plötzlich sind da drei Menschen, die dich gleichzeitig brauchen

Das ist die Seite, über die bei „Beim dritten wird man entspannter“ weniger gesprochen wird.

Du kannst entspannter sein.

Und gleichzeitig komplett überfordert.

Das widerspricht sich nicht.

Das Baby möchte getragen werden.

Das zweijährige Kind möchte gerade jetzt etwas zeigen.

Und das vierjährige Kind möchte eine Geschichte erzählen, deren Vorgeschichte ungefähr bei der Kreidezeit beginnt.

Alle drei Bedürfnisse sind echt.

Alle drei Kinder sind wichtig.

Aber ich bin trotzdem nur ein Papa.

Ich kann nicht dreimal gleichzeitig vollständig präsent sein.

Das musste ich erst lernen.

Vielleicht lerne ich es noch immer.

Beim dritten Kind wird nicht alles leichter. Du kennst nur manches schon.

Das finde ich wichtig.

Erfahrung schützt nicht vor Schlafmangel.

Sie verhindert keine Krankheit.

Sie macht ein weinendes Baby nicht automatisch ruhig.

Und sie schenkt einem leider auch keinen zusätzlichen Arm.

Wir hatten schon vor unserem dritten Kind Phasen, in denen Elternschaft uns ziemlich gefordert hat.

Und auch beim dritten gibt es Momente, in denen Erfahrung ungefähr so hilfreich ist wie der Hinweis:

„Genieß die Zeit. Sie werden so schnell groß.“

Danke.

Hilft enorm.

Was Erfahrung aber verändert:

Ich weiß inzwischen häufiger, dass auch schwierige Phasen wieder vorbeigehen.

Beim ersten Kind weißt du das theoretisch.

Beim dritten hast du es erlebt.

Mehrmals.

Das macht nicht jede Situation leichter. Aber manchmal macht es sie weniger beängstigend.

Perfektion wird mit jedem Kind unpraktischer

Drei Kinder sind ein ziemlich wirksames Mittel gegen Perfektionismus.

Du kannst nicht jedes Bedürfnis sofort erfüllen.

Du kannst nicht jeden Konflikt pädagogisch perfekt begleiten.

Du kannst nicht immer ruhig bleiben.

Du kannst nicht jede Mahlzeit frisch aus einem italienischen Familienkochbuch zaubern.

Und du kannst nicht gleichzeitig ein Baby tragen, einem Kind die Hose anziehen und mit dem anderen ausführlich darüber diskutieren, warum heute Dienstag ist.

Manchmal wirst du ungeduldig.

Manchmal reagierst du falsch.

Manchmal entschuldigst du dich.

Und manchmal denkst du am Abend:

Das war heute nicht gerade meine Bewerbung für den Elternpreis des Jahres.

Aber vielleicht brauchen Kinder diesen Preis auch gar nicht.

Präsenz ist etwas anderes als Perfektion

Einer der wichtigsten Gedanken hinter PapaKann ist für mich:

Präsenz statt Perfektion.

Ich möchte nicht der perfekte Vater sein.

Erstens, weil ich keine Ahnung hätte, wie der aussehen soll.

Zweitens, weil ich ziemlich sicher daran scheitern würde.

Ich möchte ein Vater sein, von dem meine Kinder später wissen:

Der war da.

Nicht in jeder Sekunde.

Nicht immer geduldig.

Nicht immer mit der richtigen Antwort.

Aber grundsätzlich.

Vielleicht ist genau das etwas, das mir drei Kinder noch deutlicher zeigen.

Kinder brauchen keine perfekt optimierte Kindheit.

Sie brauchen Beziehung.

Drei Kinder machen Verantwortung nicht kleiner

Und dann ist da noch etwas.

Mit jedem Kind steigt nicht nur die Liebe.

Auch die Organisation wird mehr.

Drei Kinder bedeuten drei Bedürfnisse.

Drei Kleiderschränke.

Arzttermine.

Essen.

Wäsche.

Geburtstage.

Schuhe.

Schlaf.

Termine.

Und irgendwann Kindergarten, Schule, Freunde, Hobbys und vermutlich 847 Zettel, die irgendjemand unterschreiben muss.

Wenn all das im Kopf eines Elternteils landet, wird aus Familienorganisation sehr schnell Überlastung.

Deshalb bedeutet Vatersein für mich nicht, auf Zuruf Aufgaben zu übernehmen.

Sondern selbst zu wissen, was gerade gebraucht wird.

Oder wie ich inzwischen ziemlich gern sage:

Ich helfe zuhause nicht. Ich lebe dort.

Mit drei Kindern gilt das mehr denn je.

Was tatsächlich egaler geworden ist

Ob die Kleidung zusammenpasst.

Ob ein Spielzeug pädagogisch besonders wertvoll ist.

Ob heute exakt zur geplanten Uhrzeit gegessen wird.

Ob andere unsere Art, Familie zu leben, nachvollziehen können.

Ob ein Ausflug perfekt vorbereitet ist.

Ob wir manchmal improvisieren.

Ob das Kinderzimmer aussieht, als hätte dort gerade eine kleine NGO ihre Katastrophenhilfe eingestellt.

Und vor allem:

ob wir Elternschaft genauso machen wie andere.

Was wichtiger geworden ist

Dass unsere Kinder sich sicher fühlen.

Dass sie wissen, dass ihre Gefühle Platz haben.

Dass wir Grenzen setzen, ohne ihre Würde kleinzumachen.

Dass sie selbstständig werden dürfen.

Dass Mama und Papa Verantwortung übernehmen.

Dass wir gemeinsam lachen.

Dass wir Fehler zugeben.

Dass wir uns wieder vertragen.

Dass wir Zeit miteinander verbringen.

Und dass unsere Kinder irgendwann hoffentlich nicht erzählen:

Unsere Eltern haben alles richtig gemacht.

Sondern:

Bei denen durfte ich ich sein.

PapaKann-Fazit

Beim ersten Kind wollten wir vieles richtig machen.

Beim zweiten wussten wir bereits, dass vieles auch anders geht.

Und beim dritten?

Beim Dritten wird plötzlich erstaunlich viel egal.

Nicht aus Gleichgültigkeit.

Sondern weil Erfahrung sortiert.

Sie trennt langsam die Dinge, die wichtig aussehen, von denen, die tatsächlich wichtig sind.

Der perfekte Tagesablauf?

Egal.

Das perfekte Spielzeug?

Egal.

Die perfekte Reaktion in jeder Situation?

Schön wär’s.

Aber Nähe?

Nicht egal.

Verantwortung?

Nicht egal.

Beziehung?

Ganz sicher nicht egal.

Wahrscheinlich ist eine der schönsten Lektionen unseres dritten Kindes, obwohl es selbst davon noch überhaupt nichts weiß:

Kinder brauchen keine perfekten Eltern.

Sie brauchen Eltern, die da sind.

Und wenn heute alle drei halbwegs zufrieden im Bett liegen?

Dann war das vermutlich sowieso ein ziemlich erfolgreicher Tag.

Quellen & Weiterlesen

Jesper Juul – 5 Grundsteine für die Familie
Juul beschreibt unter anderem Gleichwürdigkeit, Integrität, Authentizität und persönliche Verantwortung als Grundlagen familiärer Beziehungen. Für diesen Artikel ist besonders der Gedanke interessant, dass gelingende Elternschaft weniger von perfekten Methoden als von der Qualität der Beziehung zwischen Eltern und Kindern lebt.

Jesper Juul – Aggression. Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist
Juul betrachtet starke Gefühle und Aggression nicht einfach als unerwünschtes Verhalten, das beseitigt werden muss. Das passt zu unserem PapaKann-Gedanken, dass Kinder mit ihren Gefühlen angenommen werden können, während Erwachsene trotzdem Verantwortung und Führung übernehmen.

Maria Montessori – Kinder sind anders
Montessoris Blick auf Kinder als eigenständige Persönlichkeiten und ihre individuelle Entwicklung passt besonders zu einer Erfahrung, die mit mehreren Kindern offensichtlich wird: Was bei einem Kind funktioniert, muss beim nächsten überhaupt nicht passen. Entwicklung lässt sich nicht einfach standardisieren.

Maria Montessori – Das kreative Kind
Montessori beschreibt die frühen Lebensjahre als intensive Phase der eigenständigen Entwicklung des Kindes. Für uns ist daran vor allem der Perspektivwechsel relevant: Erwachsene müssen Kindheit nicht permanent optimieren, sondern Bedingungen schaffen, in denen Kinder selbst tätig werden und sich entwickeln können.

Gerald Hüther – Würde. Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft
Hüther stellt die Würde des Menschen und einen respektvollen Umgang miteinander in den Mittelpunkt. Das berührt einen Kern unserer Haltung bei PapaKann: Grenzen, Konflikte und elterliche Verantwortung dürfen bestehen, ohne Kinder dabei kleinzumachen.

Harvard University – Center on the Developing Child: Serve and Return
Die Forschung zur frühen Entwicklung beschreibt responsive, wechselseitige Interaktionen zwischen Kindern und Bezugspersonen als bedeutsam für die Entwicklung. Für unseren Artikel ist das die wissenschaftliche Ergänzung zum Gedanken „Präsenz statt Perfektion“: Entscheidend sind nicht perfekt optimierte Eltern, sondern wiederkehrende verlässliche Interaktionen und Beziehungen.

American Academy of Pediatrics – Positive Parenting & HealthyChildren
Die AAP betont verlässliche Beziehungen, Kommunikation, klare Grenzen und entwicklungsangemessene Erwartungen. Das unterstützt den Gedanken, dass Eltern nicht jede Situation perfekt lösen müssen, Kinder aber Orientierung und verlässliche Bezugspersonen brauchen.

PapaKann ersetzt keine medizinische, psychologische oder pädagogische Beratung. Unsere Beiträge verbinden persönliche Familienerfahrungen mit Fachliteratur und wissenschaftlichen Erkenntnissen.

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